S.Fischer 2016
S.Fischer 2016

Harald Welzer – Die smarte Diktatur

 

Sehr bedenklich stimmend

 

„Ich finde Freiheit besser als Unfreiheit. Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die …. viel dafür geopfert und riskiert haben, dass ich frei bin…..zum anderen wurde gegen unseren moralische n Begriff von Freiheit und ihrer Notwendigkeit eingewendet, man können doch aus freien Stücken auf seine Freiheit verzichten. Ob das keine Freiheit sei?

Nein, aber dem Augenblick des Verzichts ist das keine Freiheit mehr. Und damit zu all den Irren, die gerade auf Ihre Freiheit verzichten.“

 

In diesen Sätzen steckt die Grundüberlegung Welzers und des gesamten Buches. Einer, der sich erkennbar windet und (zu Recht) erregt über das, was nach Jahrhunderten der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung, auf den Opfern des Freiheitskampfes und hart ertrotzt von Gewerkschaften und freiheitlichen politischen Kräften nun mit dieser „Freiheit“ geschieht. Die im Lauf der Geschichte nur einem geringen Teil an Menschen wirklich zugefallen ist und eine deren Speerspitzen der deutsche Staat mit seiner Rechts-Balance und den dazu gehörigen individuellen Rechten ist.

 

Nun aber sieht Welzer (und argumentiert sehr überzeugend) genau diese Freiheit und dieses freiheitliche Leben von (fast) allen Seiten her unter Beschuss genommen. „Der Kapitalismus moderner Prägung benötigt keine Demokratie“, Autokratien sind sogar leichter zu handhaben bei einem Thema wie „Landnahme“ zum Beispiel, bei einer Vertreibung von Bewohnern von Land, das wirtschaftlich genutzt, ausgesaugt werden soll (mit einer Vertreibung hin zu den Randbezirken von Städten, wo wieder eine neue Problematik entsteht usw.).

 

Mehr und mehr entsteht von Seiten der „Mächte“ her in Welzers Augen ein reinrassiger „Neo-Feudalismus“, dem der Bürger und Staatsangehörige weltweit aktuell kaum etwas entgegen zu setzten hat und, das ist, bei dem Welzers ganz besonders erkennbar der Ärger aufsteigt, sogar freiwillig durch Lifelogging, Hyperkonsum und viele andere „moderne Spielzeuge“, die persönliche Freiheit auch noch persönlich „dran gegeben wird“. Nur, um sich in „isolierten Sozialräumen“ wiederzufinden und sich auch nicht wohl zu fühlen. Nur, um aus eigentlich funktionierenden und gesunden „Systemen“ (der natürliche Körper), kranke Systeme (der Körper, dem immer irgendwas fehlt laut Daten) zu machen. Nur um auch echte Innovationen unmöglich zu machen, da in der Datenflut immer der einzelne ja nur im Spiegel all seiner eigenen Daten sich wiederfindet und damit Anderes, Fremdes, Neues (die echten Beförderer von Fortschritt) gar nicht mehr im Blickfeld auftauchen.

 

Dabei findet diese „Modernisierung“ ohne „Moderne“ statt, denn der Prozess des langsamen Industrialisierens und dann die Produktivität gemeinsam effizient, aber auch mit starker Stimme für alle Seiten der Beteiligten entwickeln, hat ja bereits stattgefunden und wird nachrückenden Nationen und Regionen einfach als Gesamtpaket installiert. Die innere Erfahrung des Erkämpfens von Ausgleich und Freiraum kann sich darin gar nicht entwickeln und damit auch nicht liberale Bedingungen für das persönliche Leben.

 

„Zivilisation ist nie gesichert, das hat das 20. Jh. gezeigt“.

 

Und seit mehr als drei Jahrzehnten ist die freiheitliche Zivilisation von außen und innen, von Seiten der drängenden Marktkräfte und der „Konsum-begeisterten Bürger“ stark unter Druck.

 

Wobei Welzer nicht bei der, durchaus den Leser mitnehmen, nachhaltiges Bedenken erzeugend oder vertiefend, Analyse stehen bleibt, sondern mit Vehemenz zum Widerstand gegen den Verlust zivil-freiheitlicher Gesellschaften und Lebensformen antritt. Und im Verweis auf „Affirmation“ und die anderen Erläuterungen im letzten Kapitel durchaus Möglichkeiten für den einzelnen Leser an die Hand gibt, die Augen zu öffnen und die Hand zu heben gegen diese umfassend wirkende, „smarte Diktatur“, die nicht zufällig entsteht, sondern von jenem 1-2 Prozent der Weltbevölkerung gemacht und gesteuert wird, die ihren abstrus hohen Besitz weiter auszubauen gedenken.

 

 

Ein wichtiges, vielleicht sogar entscheidendes Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2016