C.H.Beck 2015
C.H.Beck 2015

Hubert Wolf – Krypta

 

Theologische Möglichkeiten der Liberalität

 

Ist die katholische Dogmatik quasi, wie es manchmal scheint, zugleich mit dem Wort der Bibel „vom Himmel“ gefallen? Gilt zumindest, wie oft behauptet, die fundamentale Aussage, dass die gesamte Dogmatik sich nicht widerspricht, das heißt, ein theologische Aussage auf die Andere aufbaut, erweitert, ein großes, stimmiges „Gesamtes“ ergibt?

 

Oder könnte es sein, dass auch kontrovers diskutierte Fragen der Gegenwart wie die Unfehlbarkeit des Papstes, die apostolische Sukzession, der Ausschluss von Frauen vom Priesteramt, der Zölibat und so manches mehr geschichtliche Entwicklungen darstellen, die sich in Teilen widersprechen, die eben nicht „ewige Wahrheiten“ darstellen?

 

Zu denen es auch dogmatisch-theologische Überlegungen im Lauf der Geschichte gab, an denen sich in der Gegenwart anknüpfen ließe im Zuge einer Neuordnung, Reform der katholischen Lehren und der Praxis der katholischen Kirche?

 

Hubert Wolf zeigt ruhig, sachlich, fundiert und argumentativ sehr überzeugend auf, wie im große Gebäude der Kirche eben auch jene „Krypta“ existiert, der Raum der Aufbewahrung anderer theologischer Denkgebäude oder praktischer Haltungen der Geschichte, die „dazu gehören“ und gerade in der Gegenwart gehört werden sollten.

 

Dass der Papst zu Zeiten dem Konzil „unterstellt“ war, und das mit gutem Grund. Dass erst 1870 die unbedingte autokratische Autorität im Sinne einer kirchlichen Monarchie dogmatisch festgelegt wurde (und das weniger aus theologischen, denn aus kirchenpolitischen Gründen des Machtanspruchs). Ein Zustand, wie Wolf nachweist, der nicht zum Guten in der katholischen Kirche dient und der Gläubige und Klerus letztendlich dem Gutdünken einer Person ausliefert (eine Machtfülle, die verschieden gehandhabt wurde, die gerade beim aktuellen Papst persönlich (aber eben nicht institutionell) relativiert wird.

 

Sei es die Wahl des Bischofs (urtümlich demokratisch verankert, statt vom Papst „eingesetzt“). Sie es, wie Mönche und eben auch Nonnen höchste Autorität zu Zeiten genossen und sich niemand am weiblichen Geschlecht dabei störte.

 

Dass das Konzil von Trient mehr durch Mythen denn durch historische Fakten den Lauf der Lehre der katholischen Kirche bis in die Gegenwart hinein grundlegend beeinflusst hat.

 

Seite für Seite wird dem Leser in ruhigem Stil dargelegt, wie nachweisbar „menschlich“ doch die katholische Dogmatik sich darstellt. Wenn Wolf am Beispiel des Franziskus die kühle Strategie des „Einfangens der Anarchie in den katholischen Kanon“ minutiös nachvollzieht, dann wird deutlich und klar, dass so ziemlich alles an „Lehrbehauptungen“ auf der Blaupause der Geschichte verhandelbar wäre und auch schon in ganz anderer Form „katholische Lehre“ einmal gewesen ist (wovon heute entweder niemand mehr etwas wissen will oder was im Lauf der Zeit mit spitzer Zunge und Feder so relativiert und „wegerklärt“ worden ist, dass selbst größte theologische Gegensätze passend gemacht werden, je nachdem, welcher (menschlichen Macht-) Neigung eine solche Angleichung dann dienst.

 

„Die Wahrheit, die aus der Geschichte kommt“. Das ist jene Wahrheit, der sich Wolf als katholischer Theologe historisch-kritisch verpflichtet sieht und die er durchaus konstruktiv (und keinesfalls polemisch) „seiner“ Kirche zur Verfügung stellt.

 

Allerdings bleibt zu befürchten, so gut und fundiert Wolf auch argumentiert, Reformversuche, Reformpäpste, theologische Ansätze gab es im Lauf von zwei Jahrtausenden bereits zur Genüge, ohne die fortschreitende Zementierung weltlicher und geistlicher Macht und deren Bewahrung soweit irgend möglich wenig aufgehalten oder gestört hat.

 

Ein interessantes und gut zu lesendes Buch über die „anderen Seiten“ katholischer Theologiegeschichte, die einen wichtigen Beitrag für eine offenere Haltung der katholischen Kirche sich selbst und der Welt gegenüber beinhalten.

 

M.Lehmann-Pape 2015