Droemer 2017
Droemer 2017

Ilka Piepgras – Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr

 

Intensiv und persönlich

 

Der Auslöser war persönlicher Natur. Nicht als Betroffene einer todbringenden Krankheit, sondern als Nachbarin eines Mannes, der mit knapp über 50 Lebensjahren einfach tot umfiel.

 

Ein Erlebnis, das Piepgras nicht nur erschreckt hat, ihr nicht nur die erste Begegnung mit einer Leiche auferlegte, sondern ein Erlebnis, dass nachhallte. Wie die Autorin so treffend schreibt, ein „Aufrütteln“, durchaus ihrer Generation (Der „Baby-Boomer“) gemäß wie eine Art „narzisstische Kränkung“ tritt der Tod in das Leben.

 

„Bis unser Nachbar starb, stellte ich mitunter Sterben nicht viel vor. Eines dieser unangenehmen Themen für später, wenn man alt ist“.

 

„Babyboomer sind in Frieden und Wohlstand hineingeboren worden….ihr Lebensstil ist materialistisch auf Fortschritt ausgerichtet. Wir sind unablässig mit uns selbst beschäftigt und lehnen körperlichen Verfall ab“.

 

Das mag nicht auf jeden zutreffen, ist aber sicherlich überwiegend durchaus treffend formuliert. Dies, in Verbindung mit der „Exklusion“ des Todes heraus aus der Mitte des Lebens und der Familien hinein in Krankenhäuser und Pflegeheime und verbunden mit der immensen (zumindest, was die hohen Summen angeht, die investiert werden) Forschung zur „Bekämpfung des Todes“ in der digitalen Welt des Silicon Valleys und bei Google, führt zu einem „“Status“ des Todes als „Besiegbar“. Zumindest im Denken.

 

Auch diese „Seitenlinien“ des Themas führt Piepgras im Lauf ihres Erfahrungsberichtes und ihrer Reflexionen mit an und aus, o dass dieses Buch rundum so ziemlich alle Themen abdeckt, die mit dem Tod einhergehen. Von digitalen Helfern zur Regelung des Nachlasses bis hin zur „Blase der Zeitlosigkeit“ bei der Begleitung sterbender Menschen.

 

Trotz aller Literatur und Wiederentdeckung des Themas in den letzten Jahren, das „ars moriendi“, die „Kunst des Sterbens“, über Jahrhunderte ein zentrales, existenzielles Thema, das Leben im Vertrauen auf den eigenen Glauben friedlich dahingeben zu können (nach einem möglichst erfüllten Leben), das ist noch lange nicht wieder in der Mitte des Lebens der Gegenwart angelangt.

 

„Aber wie kann man das Sterben lernen, ohne selbst betroffen zu sein“?

 

Indem man, und das hat die Autorin vollzogen, Sterbebegleiterin im Rahmen der Hospizbewegung wird. In diesem Falle als ambulante Begleiterin in einer Berliner Hospiz-Gruppe.

 

Viel Sterben also taucht (aus erster Hand erzählt) im Buch auf.

 

„Ich bin müde vom Nichtstun und Tag und Nacht sind eins“. Das ist einer der markanten Sätze, die dem Leser vermittelt werden. Ebenso, wie dieser tiefe Rückzug in sich selbst, wenn es an die letzten Stunden, Tage geht. Die Wendung des Blickes nach Innen.

 

Ungeschminkt, unprätentiös und ohne Pathos, aber auch nicht nüchtern, sondern emotional bewegt versteht Piegras es bestens, ihre Erlebnisse auf den Punkt zu erzählen und den Leser (mit Distanz natürlich) mit an das Sterbebett verschiedenster Menschen und Tode zu nehmen.

 

Mit, wie erwähnt, vielfachen Nebeninformationen versehen, schälen sich so mehr und mehr für den Leser die existenziellen Momente heraus. Die „Zeitlosigkeit“ im Sterben, in dem die Welt nicht mehr von großer Bedeutung ist (außer der Sorge um die eigenen Lieben). Das „Todesrasseln“. Die tiefe Spiritualität, die in diesen Momenten „den Raum betritt“ (und man glaubt Piepgras, dass dies nicht eine „gemachte“ Emotion ist).

 

„Ich verlasse das Hospiz in einem eigenartigen Zustand von Schwerelosigkeit. Als wäre die Lebensenergie, die der sterbenden Frau entweicht, auf mich übergegangen“.

 

 

Berührende Momente, ohne kitschig zu wirken. Ein „Erlebnisbericht“ des Sterbens, der eine fulminante Lebenskraft bei der Autorin immer wieder spürbar in den Raum setzt. Ein Buch, das man gelesen haben sollte in einer Zeit, in der das eigene „Ich“ das höchste der Werte zu sein scheint. Um Umgang zu finden mit der „Mitteilung des Universums“, „nicht gebraucht zu werden“. Zumindest irgendwann „nicht mehr“ gebraucht zu werden.

 

M.Lehmann-Pape 2017