C.H.Beck 2014
C.H.Beck 2014

Jörg Lauster – Die Verzauberung der Welt

 

Christentum von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert

 

Eines muss man der christlichen Religion auf jeden Fall lassen durch all diese Jahrhunderte nicht nur der Kirchen-, sondern ja auch der spannungsreichen Zeitgeschichte. Sie hat durchgehalten. Was nicht nur für das Christentum gilt, aber doch für dieses eine durchaus nicht selbstverständliche Leistung bedeutet in einer geographischen Religion , die intensiven geisteswissenschaftlichen Strömungen samt der Aufklärung unterworfen war.

 

Nicht zu Zeiten „in einer Ecke der Geschichte“ hat diese Religion zu gewissen Zeiten „überwintert“, sondern meist „mitten im Geschehen“, im Ringen um Macht und Einfluss, in Teilen als mehrfache Auslöser für neue, geistige Entwicklungen (Franziskaner, Rubens, Kunstgeschichte u.v.m.)  ist das Christentum in Europa eine der zentralen „Geisteskräfte“, Glaubenshaltungen, gesellschaftlichen und kulturellen Antreiber und Beeinflusser gewesen.

 

Da lohnt es sich, gerade diese Kulturgeschichte in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken und die nackten, historischen Fakten ein stückweit zumindest in den Hintergrund zu stellen, diese eher als „roten Faden“ als Struktur mitlaufen zu lassen. Und es ist verständlich, dass ein umfassendes Werk am Ende vorliegt, das dichtgedruckt von Informationen fast überfließt, auch wenn vielfache Ereignisse der Kulturgeschichte des Christentums  nur komprimiert Platz finden im Buch.

 

Wobei Lauster als Theologe von Beginn an seinen Schwerpunkt in der Herangehensweise verdeutlicht.

 

„Eine kontinuierliche Verzauberung der Welt“ angesichts des Reiches Gottes, der Ewigkeit, der ständigen Möglichkeit der Entdeckung eigener, innerer Geheimnisse, das macht für ihn den Wesen des Christentums aus, dem er von den Anfängen der Person Jesu bis in das 20. Jahrhundert hinein nachgeht.

Und verweist gerade in den Anfängen auf diese eine, bis heute entscheidende und zugleich durch die Zeiten hindurch kontrovers aufgenommene Behauptung, in Christus sei „Gott selbst“ sichtbare Person geworden. Und das in Bezug auf eine Person, die in ihren historischen Fakten nie eindeutig geklärt werden konnte. Schon hier also setzt eine gewisse „Glaubens-Verzauberung“ ihre markante Spur.

 

Eine „Verzauberung“, das mag zunächst paradox klingen, die sich in einzelnen Menschen oder kleineren Gruppen zunächst (wie z.B. die Katharer) immer wieder vor allem gegen „den eigenen Verein“, die Kirche, ihren Weg zu bahnen wusste, manchmal tatsächlich auf fast wunderhaften Wegen. Kirche und Christus sind, zumindest in ihrer inneren Zielausrichtung, nicht unbedingt deckungsgleich zu verstehen, was immer wieder auch im Buch an entsprechenden Stellen herausgearbeitet wird.

 

Reformation, innerkirchliche Erneuerungsbewegungen, Abspaltungen, der Glaube bewegt und bewegt damit zu vielen historischen Zeitpunkten die gesamte Gesellschaft mit (mit Folgen wie dem hundertjährigen Krieg, wo Kirche und Fürsten wieder einmal darauf bestanden, dass der „Geist eben nicht weht, wo er will“).

 

Eine Spannung, die „im System“ begründet liegt, wie Lauster ausführlich ausführt. Als „transzendierender Glaube“, der a priori die Welt immer und auch grundlegend in Frage stellt gegenüber einer Institution, die als eine der höchsten Prioritäten auch den Selbsterhalt in der Welt (immanent) verfolgen muss, will sie Institution bleiben, kommt es faktisch zu grundlegenden Spannungen der inneren Haltungen, die sich historisch und kulturell bis heute immer ihren Ausbruch gesucht (und gefunden) haben.

 

Von Wegen der „Vergeistigung“ bis hin zum anderen Pol der (fast völligen) Verweltlichung reicht die Kulturgeschichte des Christentums und ihrer irdischen Ausdrucksformen.

Von „Weltflucht“ zu „Machtansprüchen“, von „den Menschen Gutes Tun“ bis zum „das Beste von den Menschen fordern“ oder „ganz und nur in sich gehen“, intensiv und spannend stellt sich die Kulturgeschichte des Christentums gerade in Europa dar.

Und auch wenn das Buch manches Mal trocken formuliert wirkt, sich hier und da zu kleinteilig in Einzelheiten verliert, während an anderen Stellen für den je interessierten Leser einiges zu sehr in komprimierter Darstellung verharrt, diese „reibungsvolle Grundstruktur“ des Christentums legt Lauster sehr verständlich und fundiert als den Antrieb des Christentums vor Augen und eröffnet ebenso immer wieder den Blick auf jenen „Zauber“, der dem Göttlichen innewohnt und der Menschen innerlich bewegen kann wie kaum eine andere innere Kraft.

 

Ein Zauber, der, so ist sich Lauster sicher, sich immer wieder auf seine Art und Weise entfalten kann. Pluralistischer, vielleicht nicht auf Dauer in Räumlichkeiten der verfassten Kirchen aber immer da, wo Menschen diesem Zauber gegenüber sich aufschließen.

 

 

Insgesamt eine in Teilen zwar komprimierte, dennoch aber hoch informative Darlegung der Kulturgeschichte des Christentums, die es immer wieder versteht, auf den „Kern des Glaubens“ einzugehen, die Transzendenz mit ihrer Faszination für Menschen, den „Zauber“ des „über sich hinaus Denkens, hinaus Gehens und hinaus Fühlens“.

 

M.Lehmann-Pape 2014