S.Fischer 2012
S.Fischer 2012

Jörg Schindler – Die Rüpel Republik

 

Eine erstaunlich - erschreckende Bestandsaufnahme

 

Es zieht sich durch alle Schichten. Es findet sich an allen Orten, von der Schule über die Nachbarschaft in den Straßenverkehr bis hinein in die Medien und die „große“ Politik.

Dass immer mehr Menschen sich scheinbar als Insel begreifen, nur noch die eigenen Interessen verfolgen, im sozialen Umgang alle Formen und Schranken fallen lassen und sich, natürlich, auch noch völlig im Recht fühlen.

 

Wie jene Mutter, die das angreifende Verhalten ihres Kindes einem Lehrer gegenüber durchaus noch verteidigt und stolz auf die „Kreativität“ des Kindes ist. Soweit, dass eine engagierte „Benimm-Lehrerin“ ihr Projekt an verschiedenen Schulen an den berühmten Nagel hing, aber erst, als sie die Eltern an den Schulen kennenlernte. Oder wie jener Autofahrer, der rücksichtslos sich seinen Weg bahnt und gefährdeten Fußgängern noch den Mittelfinger zeigt. Oder wie so mancher Radfahrer, der auf dem Bürgersteig, gern auch gegen die Fahrtrichtung einer Einbahnstrasse, sich seinen Platz nimmt ohne Rücksicht auf Verluste. Von den Tausenden Rechtsklagen unter Nachbarn war bisher noch nicht einmal die Rede. Aber natürlich lässt Schindler auf seiner durchaus locker und flüssig geschilderten Reise durch die „soziale Komponente“ des Landes diese Bereiche bei weitem nicht aus.

 

„Es ist schon erstaunlich. Deutschland ist das reichste Land Europas und eines der reichsten der Welt..... Aber zufrieden sind die Wenigsten. Die Miesmuffeligkeit ist alltäglich und überall zu beobachten. Mit großer Leidenschaft machen wir uns gegenseitig das Leben schwer“.

 

Eine Folge nicht nur eines „irgendwie“ Naturells, sondern eine Folge durchaus auch, wie Schindler darlegt, einer Idealisierung von Erfolg, Ellbogen, Ich-Bezogenheit und egozentrischem Verhalten, das durch Wirtschaft, Werbung und Medien massiv vorgesetzt und auch von „honorigen“ Personen „ganz oben“, dreist vorgelebt wird. Statistisch gesehen würden sich zwei Drittel der Deutschen lieber andere Nachbarn wählen. Mit den jetzigen wird kein Auskommen herbeigeführt. Nicht überall, aber doch zahlreich und zunehmend.

 

Das „Brechen der Regeln“, von Christian Wulff medienwirksam und nach außen hin uneinsichtig vorgelebt, das scheint das Gebot der Stunde für den, der was sein oder werden oder einfach was abhaben will.

 

Sprachgewandt führt Schindler den Leser durch die Abgründe moderner Asozialität in allen Schichten und Kreisen, nicht aber, ohne zum Ende des Buches hin eine kleine Pflanze der Hoffnung zu eröffnen. Er verweist auf Anfänge, auf kleine Gruppen von Menschen, die es anders machen. Die lieber das Unkraut auf den Straßen jäten, als auf die Verwaltung oder den Nachbarn zu schimpfen und nichts zu tun und damit vielleicht einen „Wandel der Städte“ einleiten. Kleine Impulse, aus denen mehr werden kann. Aber nur, wenn mehr und mehr Menschen begreifen, dass es gemeinsam eben doch oft besser funktioniert. Ein Fakt, den Schindler überzeugend und verständlich im vorletzten Kapitel darlegt.

 

Interessant und äußerst flüssig zu lesen, immer aus der Praxis her dargestellt, legt Schindler den Finger eine durchaus sichtbare und schmerzlicher werdende Wunde des sozialen und öffentlichen Lebens. Das Buch ist es wert, nicht nur gelesen, sondern auch in seinen Ansätzen zu Lösungen breit gehört zu werden.

 

M.Lehmann-Pape 2012