C.Bertelsmann 2014
C.Bertelsmann 2014

Jürgen Schaeffer – Lob des Irrtums

 

Fortschritt durch Fehler

 

Niemand bekommt (oder hat bekommen) gerne eine rot übersäte Arbeit in der Schule zurück. Das bedeutet eine schlechte Note, unter Umständen eine Versetzungsgefahr, wenn nicht noch Schlimmeres.

 

„Nicht bestanden“, in der Schule, in der Ausbildung, beim Examen in einem Studium, der GAU.

Im übertragenen Sinne gilt dies natürlich für alle Bereiche des modernen Lebens. Weil überall bewertet wird nach den Kategorien „richtig oder falsch“. Was an Mode in ist, was an Aussehen gerade zählt, das bei der Arbeit alles möglichst perfekt erledigt wird, dass in der Erziehung nichts daneben geht.

 

Wer einen Fehler macht, der wird das zu spüren bekommen (wenn es auffällt). Ob im Fußball ein reguläres Tor nicht gegeben wird und damit das ganze Endspiel einen anderen Verlauf nimmt, wer auf der Arbeit sich einen dicken Schnitzer leistet, wer privat „daneben tritt“. Gut, wenn man auf einen „gnädigen Bewerter“ trifft, schlecht, wenn Menschen drum herum sind, denen es fast eine Lust bereitet, anderen dann ihre Macht zu beweisen und weidlich im Fehler herum zu bohren. Die „bunten Blätter“ sprechen da jede Woche ihre eigene Sprache bis hin zu den „Shitstorms“ im Internet.

 

Keine Frage, und dies ist einer der wesentlichen Punkte im Hintergrund auch diesen Buches, dass so eine Mentalität der Angst sich verbreitet.

„Mach ja nichts falsch“ ist die Devise, die an vielen Orten die Befindlichkeit mit bestimmt.

 

Und nun fordert Jürgen Schaeffer zum Gegenteil fast auf (natürlich in sehr differenzierter und verständlicher Form).

 

Lernen, „unsere Fehler zu lieben“, das ist, wofür er in die Bresche geht und was er sehr flüssig, überzeugend und gut zu lesen in diesem Buch dem Leser nahe legt. Zu Recht. Nicht nur, weil er es sagt, sondern weil es der Logik und der Einsicht folgt. Denn echtes Lernen geschieht nur da, wo auch Neuland betreten wird. Und Neuland bedingt, dass man sich noch nicht darin auskennt, also auch falsche Wege einschlägt, sich das „Neue“ erst einmal auch unter dem Risiko von Fehlern erschließen muss.

 

Fehler fordern eine kreative Problemlösung. Um grundsätzlich kreativ zu bleiben, bedarf es eines Spielraums. „Nur, wo wir irren dürfen, sind wir wirklich frei“.

 

Fehler passieren. Auf jeden Fall. Selbst bei jenen, denen Perfektion über alles geht und jeder Fehler hochnotpeinlich berührt. Denn, so erläutert Schaeffer, das „Arbeitsgedächtnis“ für das „Hier und Jetzt“ hat nur eine begrenzte Kapazität und ist äußerst Stressanfällig. Verwechslungen, “Freudsche Fehlleistungen“, mangelnde Konzentration, „Fehler passieren in allen Lebensbereichen“. Gerade wenn bestimmte Aufgaben wichtig und wesentlich sind und die viel Konzentration benötigen (und dann hoffentlich auch gelingen), die „Nebenschauplätze“ bieten dann ein breites Feld für „Fehler“.

 

So ist es anzuraten, und darin kann der Leser Schaeffer gut folgen, eine „Fehlergelassenheit“ zu erwerben, ein angehen gegen den eigenen Perfektionsdrang. Denn je entspannter eine Aufgabe angegangen wird, je weniger groß die Angst vor einem Fehler ist, desto wahrscheinlicher gelingt die Aufgabe. Und, vor allem, desto offener ist der Mensch, aus Fehlern, die dennoch geschehen, seine nachhaltigen Schlüsse zu ziehen, zu lernen. Alleine das Kapitel zum „Perfektionismus“ im Buch lohnt in dieser Hinsicht die Lektüre und führt den Versuch, das Leben zu kontrollieren ad Absurdum.

 

Auch wenn es manchmal folgenschwere Fehler sind (denen man mit aller Kompetenz natürlich entgegenwirkt, nicht nur im medizinischen Bereich). Um also Fehlern möglichst gut zu begegnen, die Rate an tatsächlichen Fehlern gering zu halten, bedarf es, paradoxerweise, ein „Rechnen mit Fehlern“ und einer „Offenheit Fehlern“ gegenüber. Mit einem Wort, eine „Fehlerfreundlichkeit“, wie Schaeffer nicht müde wird, im Buch an vielfältigen Beispielen zu erläutern.

 

Eine sehr überzeugende und sehr anregende Lektüre, die eine andere Haltung eröffnet.

 

„Gehen Sie auf den Überbringer der schlechten Nachricht zu! Lassen Sie ihn leben. Gratulieren Sie ihm zu seinem Mut“.

 

So lernen alle aus Fehlern.

 

M.Lehmann-Pape 2014