Riemann 2014
Riemann 2014

Jaimal Yogis – Die faszinierende Welt der Angst

 

Schutz und Kraft durch Angst

 

Allein schon der Titel weckt einerseits das Interesse und führt andererseits zu einem zunächst ungläubigen Gefühl.

 

Angst gilt nicht gerade als wünschenswert. Dieser Aufruhr im Körper in direkter Bedrohungssituation, die Gedanken, die im Kopf nicht zur Ruhe kommen, das belastete Gefühl, wenn Konflikte drohen, die innere Lähmung, die oft mit der Angst einhergeht, all das sind Zustände, die so ziemlich jeder denkende Mensch gerne vermeidet und sich lieber, so nötig, seinen „Adrenalinkick“ auf eine „kontrollierte Form der Angst“ besorgt. Eine technisch überprüfte Achterbahn, ein Bungee-Sprung…. Aber konkret im Leben?

 

Vielfach werden pharmazeutisch sehr stark Verbreitung erlebende Pillen erfunden, mit denen der Angstzustand gemildert, das Gemüt aufgehellt werden wollen.

 

Und nun möchte der amerikanische Journalist Yogis nicht Tipps und Tricks zur „Vermeidung“ von Angst bieten, sondern gar ein Loblied auf dieses starke Gefühl singen?

 

Da darf man gespannt sein. Und wird nicht enttäuscht.

 

Zunächst beinhaltet Angst zumindest an sich bereits mindestens zwei Impulse. Nicht nur der Lähmung oder der Flucht, sondern auch den Impuls der „Überwindung“ der Angst. Ein „sich stellen“ aus risikobehafteten, bedrohlichen Situationen gegenüber.

Was im Übrigen überaus Sinn macht und von der Natur stimmig eingerichtet ist. An sich bereitet ja alles Unbekannte zunächst Angst. Gäbe der Mensch dieser Angst grundlegend nach, wäre ein Fortschritt weder auf persönlicher Ebene noch auf gesellschaftlicher Ebene möglich. Das Wesen des Fortschrittes und der Reifung ist das Betreten „noch unbekannten Gebietes“, statt in der zwar sicher wirkenden, aber doch sehr begrenzten „persönlich bekannten und vertrauten Welt“ alleine zu verharren.

 

So wird verständlich, dass der häufigste Satz in der Bibel jenes „Fürchte Dich nicht!“ ist. Wissend darum, dass nur eine Überwindung der Angst oder eine zumindest einsetzende Kontrolle, trotz und mit Angst Schritte zu wagen, eine Entwicklungsmöglichkeit für den Menschen beinhaltet.

 

Auf der einen Seite also findet sich die Angst als Grundbefindlichkeit allen Lebens (selbst bei Seeanemonen, wie Yogis aufzeigt), auf der anderen Seite lässt sie sich nicht so einfach abstellen und bildet zunächst einen starken Grund der Hinderung, Neues zu wagen.

 

Und dennoch stimmt, was Yogis sehr plakativ und verständlich auch an vielen persönlichen Beispielen belegt und illustriert: „Die Angst ist keineswegs ein überflüssiges Übel“. Und sie muss keineswegs dauerhaft lähmen.

 

Im Gegenteil, Angst ist ein vitales, dynamisches Gefühl, ein „Motivator“, das „Beängstigende“ anzugehen und zu überwinden und ein „Regulator“ auf diesen Wegen nicht blindlings voran zu stolpern, sondern eine notwendige Vorsicht walten zu lassen (aber dieser Vorsicht nicht die alleine Macht über das Handeln zu geben).

 

Angst schärft die Sinne, bringt das Adrenalin auf Touren, beschleunigt die Denkprozesse und vieles mehr.

 

Zu einem gewissen Nachteil gereicht dem Buch allerdings die ausgeprägte, typisch amerikanische Erzählweise, beständig Geschichten und Geschichten von Bekannten, Freunden oder von sich selbst zu breit als Beispiel anzuführen. An manchen Stellen erscheint die Illustration des eigentlichen Punktes als Wichtiger und umfassender als die durch diese zu beleuchtende Aussage selbst. Dennoch ist und bleibt es spannend, im Buch auch Menschen, Lebensformen zu begegnen, die sich anscheinend nur mit einer gehörigen Portion Angst wirklich wohlfühlen, auch das also gibt es.

 

 Im Gesamten bietet das Buch eine Art Programm, mit der Angst zu leben und die Kräfte der Angst mit Augenmaß zu nutzen, zeigt auf, wie zu große Angst reduziert werden kann, um bewegungsfähig wieder zu werden und beinhaltet eine ganze Reihe bedenkenswerter Hinweise auf die positiven Aspekte der Angst.

 

 

Insgesamt eine lesenswerte Lektüre, die zur eigenen Reflexion umfassend einlädt, ohne mit erhobenem Zeigefinger sich unangenehm aufzudrängen.

 

M.Lehmann-Pape 2014