C.H.Beck 2015
C.H.Beck 2015

Jan Assmann – Exodus

 

„Wahr und Falsch“ statt „Stärker“, „Lebens-Treue“ statt „Nur-Anbetung“

 

Hatten die „alten Völker“ je ihre Götzen und Stammesheilige, die sich im Leben und Kampf als „Stark und hilfreich“ erweisen hatten, konnten ohne große Überlegungen solche „Götter“ auch „ausgetauscht“ werden (wenn sie sich als „schwach“ gezeigt hatten) und gab es damit eine vielfältige und „bunte“ Götterschar in alter Zeit, die einander befehdeten, ergänzten, ersetzten und vieles mehr, so verweist Jan Assmann zu Recht seit Langem bereits darauf, dass die Entwicklung des Monotheismus einer der absoluten und existenziellen „Wendepunkte“ der Menschheitsgeschichte darstellt.

 

Ein Wendepunkt, der, vor allem, Loyalität ohne Ausnahme (und ohne Grenze) erforderte in den neuen religiösen Orientierungen mit ihrem je allgemeinen und universellen Wahrheits- und Geltungsanspruch.

Und, wie Assmann ebenfalls seit Langem herausgearbeitet hat, damit auch mit einem wesentlichen Kern an „ausgrenzender Gewalt“.

Am „Kampf bis aufs Blut“ gegen „andere Götter“ und deren Religionen. Ein Kampf, der nicht nur in antiker Zeit die Welt formte, sondern bis heute in (fast) unverminderter und immer wieder neu aufflammender Art und Weise die Menschheitsgeschichte mit bestimmt.

 

Eine, eher „die“ (folgt man den akribischen, fundierten und detaillierten Ausführungen Assmanns in diesem, seinem neuen Werk) Gründungsgeschichte, Gründungsurkunde des Monotheismus ist die Geschichte des Exodus. Der Auszug Israels aus Ägypten unter Mose (unter drängender und harter Gewalt, schon in der biblischen Vorbereitung dieses Auszuges).

 

In zwei Richtungen nimmt Assmann kenntnisreih und sehr verständlich formuliert dabei den Leser mit auf diese „existenzielle Reise“.

 

Zum einen befasst er sich mit den historischen Tatbeständen und versetzt den Leser „hautnah“ in die Hoch-Zeit des alten Ägypten. Zum anderen aber, und das ist sein eigentliches Anliegen, geht Assmann den verdichteten Menschheitserfahrungen und der tiefgreifenden Symbolik hinter der biblischen Geschichte nach.

Ein Ereignis (nicht nur in der Geschichte Israels als „Volkwerdung“ und „Bundeschluss“ mit umfassendem Treuegebot diesem „einen Gott“ gegenüber, sondern auch für die Weltgeschichte), welches das Judentum, aber auch später das Christentum und den Islam grundlegend mitgestaltet und geprägt hat.

 

Das Individualität und persönlicher Lebenssinn nur erfasst wird in die Einbettung einer Glaubensgemeinschaft und damit nur im personalen Gegenüber zwischen „dem einen Gott“ (mit seinem Plan für „sein Volk“ und den einzelnen Menschen in diesem Volk) und dem eigenen Sein, das ist jener existenzielle Kern der Exodusgeschichte, der „Geschichte gemacht hat“, persönliche und allgemeine Geschichte, und diese bis heute beeinflusst und prägt.

 

Loyalität und „Treue“ sind dabei die prägenden inhaltlichen Begriffe.

Eine „gegenseitige“ Treue in Form einer „Bundesverpflichtung“, letztlich auf Augenhöhe, ein „Vertrag“ zwischen zwei Partnern, Gott und den Menschen seines Volkes, dass mit Lob und Strafe, Gewinn und Restriktionen einhergeht, wie es Israel in seiner folgenden Geschichte von Erfolgen und Niederlagen, Zerstörung und Aufbau immer wieder reflektiert und immer wieder auf das „Gründungsgeschehen“, die „Bundesartikel“ (Gebote) und Bundeszeichen (Lade, Stiftshütte und anderes) sich hin orientiert.

 

So erläutert Assmann historisch und als „erzählte Geschichte“ die Kraft dieses Ereignisses einer inneren und äußeren Zeitenwende, verweist auf die „Freiheit“, die hier als „höchstes Gut“ (nur in Bindung mit einem patriarchalischen Gott allerdings) Antrieb und „gelobtes Land“ zugleich ist, zeigt die Folgen dieser „revolutionären“ Haltungen auf (auch in ihren gewaltsamen Ausprägungen) und führt so dem hin zu den Grundlagen der „modernen Welt“.

 

In einem geschichtsimmanenten System von Ursache und Wirkung, von einem direkt möglichen Erleben göttlichen (korrigierenden oder bestätigendem) Eingreifen in das gesellschaftliche und individuelle Leben, das bis heute die Weltreligionen bestimmt (mit anderen Vorstellungen eines „gelobten Landes“ und anderen „Geboten“ vielleicht).

 

Die Vision einer „besseren Zukunft“ findet in der Exodus Geschichte damit erstmalig Ausdruck, die Deutung der Vergangenheit erhält einen linearen Faden und die Ausgrenzung Andersgläubiger bildet nun eine der Wesensgrundlagen der Religion.

 

Ein ungeheuer erhellendes, sehr akribisch und fundiert verfasstes, dabei überaus verständliches Buch, das die Elemente und Grundgedanken der Exodusgeschichte erläutert und damit die Grundlagen für Religionskriege, Erwählungsgedanken und „irdische Zeichen Gottes in der Geschichte“ dezidiert aufweist und benennt.

 

„In diesem Sinne lässt sich die Exodus-Geschichte als die grandioseste und folgenreichste Geschichte verstehen, die sich Menschen jemals erzählt haben…und ist…zum Symbol grundlegender geistiger, religiöser und politischer Wenden überhaupt geworden“.

 

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das in der Besinnung auf „den Anfang“ eine hochaktuell Erklärung der gegenwärtig noch immer stark zu spürenden „Folgen“ in sich trägt, der (behaupteten) „Einwohnung Gottes inmitten seines Volkes“ mit all dem, was dies auch im Negativen und an Fanatismus bedeuten kann, wie es ebenso Identität und Kraft zu geben vermag.


M.Lehmann-Pape 2015