S.Fischer 2012
S.Fischer 2012

Jared Diamond - Vermächtnis

 

Ein großartiger Blick auf die Vielfalt tradierten menschlichen Zusammenlebens

 

Einen breiten, intensiven, verstehenden und in die Tiefe reichenden Blick wirft Jard Diamond in seinem neuen Buch, in dem durchaus die Zusammenfasssung seines Lebenswerkes mit gesehen werden kann, auf „den Menschen“, speziell das „Zusammenleben des Menschen“ und das, wie Diamond selbst ausdrückt, im großen und ganzen über den Zeitraum der letzten 11.000 Jahre hinweg.

 

„Jäger und Sammler“ sind es, die seit jeher die menschliche Kultur bestimmen. Tradierte Formen des Lebens in Gemeinschaften, die Diamond auf seinen vielfachen Expeditionen zu noch „wie ehemals“ lebenden Stämmen und Konklaven auf dieser Welt studierte und mit einem präzise und treffenden Blick das jeweilige „Wesen“ der Kultur, die Befindlichkeit des Menschen, dabei sieht und überzeugend zu beschreiben versteht.

 

Fundiert, umfassend und professionell, so stellen sich die Ergebnisse Diamonds in seiner Darstellung dar. Immer bleibt Diamond dabei differenziert in seiner Darstellung, Polemik und plumpe „Formeln“ sind ihm fremd. Und da Diamond immer auch hintergründig einen Blick mit auf die „moderne“ Welt hat, verwundert es nicht, dass in so manchen seiner Beobachtungen und Beschreibungen durchaus eine Reflektionsmöglichkeit zu finden ist für eine Vielzahl „moderner“ Probleme. Unter anderen zu empfehlen gerade auf seit langem kontrovers diskutierten Probleme der demographischen Entwicklung in Europa und der Diskussion um Fragen der Bildung weltweit sind hier die Einlassungen Diamonds im Themenbereich „Jung und Alt“.

 

Wie rasch Heranwachsende in den beobachteten tradierten Lebensformen soziale Fertigkeiten sich aneignen und dass diesen, ohne sie als „dumpf“ oder „zurückgeblieben“ abwerten zu können, vielfach die „Identitätskrisen“ von Teenagern in „modernen“ Zivilisationen völlig fremd sind. Oder dass, bei allen Fortschritten im Blick auf ältere Menschen (die aber auch in tradierten Lebensformen nur in absoluten Notzeiten und –Situationen ausgesetzt wurden), es doch die Regel war, dass alte Menschen den Rest ihres Lebens in der gleichen Gruppe, zumeist im gleichen Familienkreis und gleichen Haus verbrachten, wie zu Zeiten ihres „rüstigen“ erwachsenen Lebens. Ein einfaches „Generationenleben“, welches der hochtechnisierten Welt aus dem Blick geraten ist (mit Gründen, natürlich, aber auch mit Folgen). Durchaus ernst zu nehmen sind hier die Anregungen, die Diamond für eine Veränderung „zum Guten hin“ im Buch gibt.

 

Sei es zudem in Fragen der Raumaufteilung, von Krieg und Frieden, über die Einstellung zur Gefahr (und wann das zur Paranoia wird), sei es im Blick auf Religion, Sprache und Gesundheit, Diamond beschreibt fundiert und differenziert letztlich den Menschen selbst in seiner kulturellen Entwicklung, wie er es auch in der Gegenwart noch auf einer Reise vom „Dschungel auf den Freeway 405“ nachvollziehen kann. Und bleibt bei einer reinen Beschreibung nicht stehen, sondern wertet seine Erkenntnisse dahingehend aus, was wir „in der Zivilisation“ von der „traditionellen Welt“ gut lernen könnten (und eigentlich sollten).

 

Ein fachlich und sprachlich überzeugendes Resümee eines Forscherlebens mit vielfachen Verweisen auf fast verschüttet zu nennende Erfahrungen menschlichen Seins und bewährten Formen menschlichen Zusammenlebens.

 

M.Lehmann-Pape 2012