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Jens-Malte Fischer – Gustav Mahler – Der fremde Vertraute

 

Genial  dargestelltes Genie

 

In diesem „Jubiläumsjahr“ 2010 stand der 150. Geburtstag Gustav Mahlers an, Gelegenheit für viele Autoren und Verlage, sich der Person und des Werkes Mahlers anzunehmen. Vorweg gesagt, neben dem hervorragenden „Mahler Handbuch“ (Bärenreiter Verlag) ist diese Betrachtung Gustav Mahlers von Jens-Malte Fischer von ebenso hervorzuhebender Qualität.


Schon der Untertitel deutet die vielfältig möglichen Betrachtungswinkel auf diesen Künstler von Weltruf an. Ebenso interessant ist der Einsatz des Buches, da muss man erst mal drauf kommen, nachdem auf dem Umschlag des Buches bereits ein Foto des Meisters prangt, im ersten Kapitel eine physiognomische Beschreibung zum Einsatz des Buches zu setzen. Eine wunderbare Herangehensweise, denn so wird bereits in den ersten Sätzen angedeutet, dass die Privatperson Mahler in ihren familiären Bezügen tatsächlich etwas unvertraut anmutendes in sich trug. Ebenso von Bedeutung ist die Korrespondenz zwischen äußeren Wesen, Bewegungsmustern und seinem Werk. Immer ein schnell vorwärts gehender, der aber die Geschwindigkeit durchhielt. Wie im privaten Leben, so auch in seinem Werk und den Interpretationen, gerade in seiner Wiener Zeit setzte er Marksteine der Gestaltung von Aufführungen, die vorwärts drängten und, wie so oft in seinem Schaffen, der Zeit und der Betrachtung durch die Kritiker der Zeit weit voraus eilten. Somit, bei näherer Betrachtung, bildet dieses erste Kapitel den perfekt gewählten Beginn für eine Ausformulierung all der Impulse, die die rein äußere Betrachtung Mahlers hier bereits setzt.

 

Nur erste, wenig Eindrücke von einer fast 1000 Seitigen Biographie, die auf keiner Seite langweilt und die, im Gegensatz zu vielen anderen Betrachtungen von Künstlern, eine, in Quantität und Qualität,  ausgewogene Balance zwischen Leben und Werk aufrecht erhält.

 

Die privaten Entwicklungen und Stationen dieses Lebens, die prägenden Einflüsse der Jugend, die dramatischen Familienumstände samt der, gelinde ausgedrückt, schwierigen Ehe finden ebenso eine umfassende und detailgetreue Betrachtung, wie die Werke des Komponisten Mahler samt ihrer differenzierten Rezeption bei der Kritik seiner Zeit und die Anerkennung als umjubelter Dirigent, die ihm fast ungeteilt zu Teil wurde. Tatsächlich betrachtet Fischer den „ganzen Mahler“ und, das vor allem, vermag es mittels seiner traumwandlerisch sicheren Sprachkunst, den Leser für den ganzen Mahler von der ersten Seite an zu interessieren und in die Welt dieser Schlüsselfigur der Musikgeschichte mit hinein zu nehmen bis in die Verdeutlichung des Schaffens Mahlers für die Gegenwart. Erstaunt nimmt man zur Kenntnis, wie hoch der Einfluss des Werkes zum Beispiel auf die Filmmusik der Neuzeit wirklich ist.

 

Ganz hervorragend der Blick auf das Werk Mahlers, das durch Jens-Malte Fischer ja ausführlich in den einzelnen Kompostionen gewürdigt und interpretiert, somit auch dem eher im Blick auf die klassische Musik nicht kundigen Leser zugänglich wird.

 

In jeder Beziehung ein herausragendes Buch, das mit vielen  gründlich recherchierten Einzelheiten aufwartet, Werk und Person, Künstler und Menschen Mahler ausbalanciert und umfassend darstellt und würdigt. Ebenso ein leicht lesbarer und erhellender Blick in die Zeitgeschichte du die künstlerischen Strömungen, die Mahler einerseits geprägt haben, die er andererseits als Dirigent und Komponist zu neuen Ufern geführt hat. Der schwierige Mensch in nicht einfachen privaten Umständen, der gefierte Dirigent und der anfangs verschmähte Komponist treten lebendig und in eins fallend in den Raum.

Exzellent.

 

M.Lehmann-Pape 2010