S.Fischer 2011
S.Fischer 2011

Jim Al-Khalili – Im Haus der Weisheit

 

Die arabischen Wurzeln der westlichen Zivilisation

 

Das „Haus der Weisheit“ wurde 825 in Bagdad gegründet und war gedacht als eine Art Akademie, ein Sammlungsort der Erkenntnisse der Welt. Dieses „Haus der Weisheit“ ist der Aufhänger für Jim Al-Khalilis Buch, in dem er dem langen und fruchtbaren Weg der arabischen Wissenschaften und der arabischen Kultur nachgeht und, das gelingt ihm durchaus, aufzeigt, wie sehr sich unsere moderne Zivilisation fundemantal auf arabischen Errungenschaften gründet. Wie sehr arabische Gelehrte bereits hunderte von Jahren vor dem Westen entscheidende Fragen angestoßen und beantwortet haben. Fragen wie das Weltbild des Kopernikus, dass längst in der arabischen vorgelegen hatte und somit in der Auseinandersetzung der katholischen ´Kirche einen Rückschritt eher darstellet denn eine „neue“ Fragestellung. Ein Buch auch, in dem der Niedergang der arabischen Weisheitskultur nicht verschwiegen wird und Gründe für diesen Niedergang versucht werden, anzuführen.

 

Algebra (die arabischen Zahlen und das Dezimalsystem als Grundlage internationaler Mathematik, von den Arabern aufgenommen und weiterentwickelt), Medizin, Philosophie, Astronomie, Physik, alle diese Fachgebiete und kulturell zentralen Erkenntnisse legt Al-Khalili verständlich und wissend im Buch vor, vollzieht den Kern des arabischen Denkens damit nach und verfolgt, wie die Spuren und Grundlagen dieser Erkenntnisse bis heute die moderne Gesellschaft und Kultur prägen.

 

Noch wichtiger aber fast als dieser Gang durch die Geistesgeschichte sind die unbequemen Fragen, die Al-Khlili ebenfalls aufnimmt. Warum das ehemalige natur- und geisteswissenschaftliche „Zentrum der Welt“ so ins Hintertreffen geraten konnte. Warum viele der ehemals erkannten und vorliegenden Erkenntnisse wieder in Vergessenheit gerieten, trotz vielfach elementarer Bedeutung.

 

In den vielen Erkenntnissen, durchaus aber auch in den vielfach zitierten Sentenzen und „Sprüchen der Weisheit“ wird erkennbar, in welchem Umfang und welcher Tiefe die arabische Kultur des europäischen Mittelalters bereits ausgeprägt war und wird ebenfalls erkennbar, dass gerade in den aktuellen Migrationsdebatten der historische Hintergrund allseits wichtig ist. Als Erkenntnis des „Westens“, was dem islamischen Kulturkreis an Errungenschaften alles zu verdanken ist und als Erkenntnis des „Ostens“, dass eine Rückbesinnung auf diese Kräfte der Weisheit wesentlich nutzbringender wäre als ein verharren in religiösen Streitfragen.

 

Jim Al-Khalil gelingt es, seine Erkenntnisse ohne erhobenen Zeigefinger in diesem flüssig geschriebenem und schön gestaltetem Buch zu vermitteln. Seine Darstellungen sind allezeit differenziert und realitätsnah, verherrlichen weder den einen noch den anderen Weg („Als Atheist habe ich am Islam kein spirituelles, sondern ein kulturelles Interesse“), sondern legen auf den Tisch, wie sich Kulturen zu Zeiten in sich und gegenseitig befruchten konnten.

 

Damit verweist er, oft hintergründig mitschwingend, auf eine Lösung der „Reibung“ zwischen den Kulturen durch die kooperative Haltung, die zu entwickeln wäre. Einfacher zu entwickeln, wenn man sich der gemeinsamen Wurzeln und der grundlegenden Rolle der Arabischen Wissenschaften für die Prägung der gegenwärtigen Welt gewahr wird.

Denn: „Die Tinte des Gelehrten ist heiliger als das Blut des Märtyrers“.

 

M.Lehmann-Pape 2011

Jim Al-Khalili

 

geboren 1962 in Bagdad, ist britischer Professor für theoretische Atomphysik an der Universität von Surrey, wo er auch einen Lehrstuhl für Public Engagement in Science innehat.

 

(Quelle: S.Fischer Verlag)