C.H.Beck 2011
C.H.Beck 2011

Joachim Radkau – Die Ära der Ökologie

 

Geschichte einer Bewegung aus historischer Sicht

 

"Das ist meine Bewegung!". So erlebte  es Joachim Radkau, von Hause aus Historiker, als 1970 Initiativen und Bewegungen sich gründeten, die sich dem Schutz der Umwelt verschrieben. Diese wirkten von Beginn an authentisch auf den Autor und wurde Teil auch seines persönlichen Engagements. Nun legt er mit dem Buch laut Klappentext die "erste Weltgeschichte der grünen Bewegung" vor.

 

Aufgrund der eigenen, persönlichen Nähe zur "grünen Bewegung" könnten  natürlich Tendenzen der Überhöhung und unkritischen Darstellung als Gefahr im Raume stehen. Zum Glück meidet Radkau beides und nimmt durchaus in seiner Darstellung eine wissenschaftlich-distanzierte Haltung bis hin zu kritischen Nachfragen dort ein, wo es nötig ist. Mit dieser durchaus kompetenten Grundhaltung beschreibt er sodann als Historiker die Entwicklung der Umweltbewegung, die mittlerweile nach gut 40 Jahren selbst Teil der neueren Geschichte geworden ist. Allerdings eine Geschichte, die durchaus noch weiteres und wesentliches Potential nach vorne hin aufzuweisen hat. In den Worten Radkaus ist die Umweltbewegung aufgrund ihrer fließenden Strukturen "die neue, wahre Aufklärung unseres Zeitalters".

 

Dies scheint auch nach der Lektüre des Buches ein stückweit zu hoch gegriffen im Pathos zu sein, denn trotz aller Buntheit und trotz aller Veränderungen im Bewusstsein, die  die Umweltbewegungen weltweit bisher bereits initiiert haben, fehlt doch ein ganzes Stück zu solch einem umwälzenden und nachhaltigem Bewusstseinswandel, wie ihn die Aufklärung zumindest in die europäische Geschichte gesetzt hat. Obwohl durchaus Indizien für eine in Zukunft verändernde Kraft vorliegen, vor allem die eigentliche "Unmöglichkeit" der Umweltbewegung, die Radkau argumentativ sauber nachweist. Dieses pure Beharrungsvermögen als solches ist sicherlich eine der Kräfte, die auch andere, umwälzende Bewegungen und Ideengebäude in der Geschichte miteinander verbindet.

 

Die bunte Vielfalt und die durchaus seriösen Adaptionen der Bewegung stellt Radkau umfassend, verständlich und thematisch geordnet dar. Das Buch ist keine Anekdotensammlung persönlicher Geschichten und Erlebnisse, sondern beleuchtet wissenschaftlich die historischer Entwicklungen der Umweltbewegung bis in die jüngste Gegenwart hinein. So leitet er zunächst den ausgemachten Bewusstseinswandel durchaus geschichtlich, im Kern vom Beginn des 20. Jahrhunderts an, her. Sei es der Bodenschutz im Rahmen des New Deal in den USA oder in der Rezeption durch Alwin Seifert in Deutschland. Ansätze, die durch den Krieg zunächst verloren gingen, auf die aber durchaus später aufzubauen war. Dreh, Kern und Angelpunkt der Entwicklung allerdings ist und bleibt die "Ökologische Revolution" der Jahre 1965 bis 1972. Anhand dieses Kapitels ist auch die fundierte Arbeitsweise Radkaus zu erkennen.

 

Ein übersichtliches Zeitfenster enthält zunächst alle wesentlichen historischen Punkte, an denen sich die nachfolgenden Erläuterungen, eher thematisch verbunden, nicht unbedingt chronologisch vorgehend, entlang arbeiten.

Im Velrauf der UNtersuchung werden in denw eiteren Kapiteln dann sowohl äußere "Wendeereignisse" wie Tschernobyl oder das "Waldsterben"  behandelt, als auch eher "innere" Strömungen der Umweltbewegung im Rahmen von Selbstfindungstendenzen. Persönlichkeiten werden charakterisiert, die mit der Geschichte der Bewegung verbunden sind, als auch Institutionen wie "Greanpeace" und anderen.

 

Was Radkau im Lauf seiner Betrachtungen besonders hervorragend gelingt ist die Darstellung und nähere Beleuchtung der innewohnenden Dynamik über die 40 Jahre aktiver Bewegung hinweg.

Jene Dynamik vor allem auf lokaler Ebene ist es auch, der Radkau jene "bewusstseinsverändernde" Kraft zuschreibt, aufgrund derer nach seinen Ergebnissen die ökologische Bewegung als "neue Aufklärung§ gelten kann.

Die fast 140 Seiten Anahang zeigen auf, wie breit seine Recherchen gesetzt waren und bietet vielfache Verweise auf eine vertiefende Erarbeitung einzelner Themen und Sachbereiche. So gelingt ihm auf jeden Fall eines seiner Hauptanliegen,  die Nutzung der Historie zur Schärfung des Blickes für historische Augenblicke in der Gegenwart.

 

M.Lehmann-Pape 2011