Pattloch 2010
Pattloch 2010

Johannes Thiele – Kathedrale – Die Kunst, den Himmel zu berühren

 

Sprechende Bauwerke des Glaubens

 

Schon der Beginn dieses ansprechend gestalteten Bild-Text Bandes zeigt die Richtung auf, die im Buch weiterhin eingeschlagen wird. Sowohl der innere Einband des Buches wie die ersten 8 Seiten bieten großflächige und stimmungsvolle Fotografien, die ein stückweit bereits die Schwerpunkte des Buches vorwegnehmen.

 

Mittels dieser Bildpracht bestens eingestimmt, ist es ein leichtes, den jederzeit verständlichen und dem Thema angemessenen Texten und Erläuterungen Johannes Thieles zu folgen und auch im weiteren Verlauf des Buches auf qualitativ hochwertiges und den jeweiligen Kapiteln angemessen korrespondierendem Bildmaterial zu treffen.

 

Die gotische Kathedrale ist nichts anders als in Stein gebauter Glaube  Weithin sichtbarer Ausdruck sind diese Großkunstwerke mittelalterlicher Baukunst zum einen des intensiv nach oben gerichteten Blickes der gläubigen Menschen, zum anderen, wie sie dem bürgerlichen Stoltz jener Zeiten Ausdruck verleihen. Auch die Fernrückung Gottes ins Erhabene und Heilige hinein der mittelalterlichen Theologie spiegelt sich in der Bauweise der Kathedralen wieder.

 

Gut also, dass Johannes Thiele nicht allein bei der architektonischen Leistung und Beschreibung handwerklicher Höhenflüge stehen bleibt (diese finden natürlich auch ihren Platz im Buch), sondern auch dem innerlich gedachten Ausdruck, der Glaubenswirkung der Bauwerke er sensibel nachspürt.

In seinem Nachsinnen über das Herz der Kathedrale, den Altarraum, öffnet er in bester Weise den Blick für die Erhabenheit des Baues und des entrückten Altarraumes, zeigt aber auch die Einschränkungen und Grenzen in der Wirkung auf die persönliche Spiritualität auf, die durch eine solch bauliche Entrücktheit in den Raum tritt.

 

Auch dies ist eine der Seiten der Kathedralen, dass sie zwar Ehrfrucht gebieten und ausstrahlen, intime Gottesnähe aber nicht mehr a priori zulassen. Nicht umsonst befinden sich in vielen Kathedralen kleinere Kapellen in Seitenflügeln, um eben doch wieder beides in den Raum zu setzen. Die Erhabenheit der Majestät Gottes und die intime Nähe im Blick auf die Liebe Gottes. In bester Weise arbeitet Thiele diese Unterscheidung heraus und bietet zudem an gegebenem Ort jeweils Erläuterungen christlicher Traditionen und Riten zudem an, die bestimmte bauliche Eigenschaften auch inhaltlich einer Erklärung dann zufügen.

 

In der Struktur führt Thiele weitestgehend von außen nach innen hin zum Erlebnis der Kathedrale. Der Geist der Gotik wird lebendig, bauliche Besonderheiten in der Verbindung mit dem konkret dahinter liegendem Weltbild legt er ebenso offen, wie er den geographischen Ort des Bauwerkes (mitten in der Stadt) benennt und erläutert, bevor er im einzelnen zu den Ausstattungselementen gotischer Kathedralen übergeht und hier, vom Licht bis zum Kreuz, im einzelnen die Elemente beschreibt, erläutert und mittels vielfachen Bildmaterials dem Leser vor die Augen stellt.

 

Ein umfassend recherchiertes Buch zum Thema der Kathedrale, das nicht im äußeren stehen bleibt, sondern die innere Wirkung zu fassen versteht und das dahinter liegende Weltbild des Mittelalters im Bauwerk selber entdecken lässt.  Das Buch ist allein schon aufgrund der gezeigten kulturellen und künstlerischen Vielfalt jedem auch nur rein kulturell interessiertem Leser zu empfehlen.

 

M.Lehmann-Pape 2010