Piper 2012
Piper 2012

John Casti - Der plötzliche Kollaps von allem

 

Die Fragilität der Erde

 

Dass es überhaupt Leben auf dem Planeten Erde gibt, schon alleine dies gleicht einem Wunder, zumindest was die mathematische Wahrscheinlichkeit angeht, dass sich all die benötigten Voraussetzungen in genau diesem Mischungsverhältnis zusammensetzen.

 

Dass sich auf dieser „Grundbasis“ über Millionen von Jahren das Leben in der heutigen Form entwickeln konnte, auch das ist keine Selbstverständlichkeit. Eiszeiten, Dürreperioden, Meteoriteneinschläge haben das Leben auf der Erde jeweils vor gravierende Probleme gestellt. Insgesamt aber, erstaunlicherweise, hat sich der Planet und die wirtlichen Lebensmöglichkeiten auf ihm als erstaunlich robust erwiesen im Lauf der Jahrmillionen.

 

Diese Robustheit sollte der Leser gut im Hinterkopf halten, wenn er sich diesem Buch von John Casti nähert. Wobei Casti selbst am Ende des Buches in diese Richtung argumentiert, wenn er die „Anpassungsfähigkeit“ als wichtigstes Element einer Begegnung eines möglichen „Kollapses“ anführt.

 

Sicher, sein Schwerpunkt liegt nicht auf Naturkatastrophen wie Meteoriten, sondern eher auf Ereignissen, die das moderne, gewohnte Leben mit Strom, Ressourcen, Globalisierung, Internet und vielem mehr in Frage stellen könnten (sogenannten X-Events). Aber was die Fragilität angeht, gerade der modernen, globalen Zivilisation, steht Casti der Benennung von Gefahren Ereignissen wie z.B. massiven Meteoriteneinschlägen absolut nicht fern.

In einer immer weiter vernetzten Welt, drohen durchaus „Einschläge nicht vorhersehbarer Ereignisse“, die einen Teil der Welt stark in Mitleidenschaft ziehen und sich breit auswirken können. Die Ereignisse des Septembers 2001, der Zusammenbruch der Lehmann-Bank, explodierende Atomkraftwerke in Japan, solche Ereignisse sind es, die Casti quasi als „Vorgeschmack“ ins Felde führt, um noch breitere und umfassendere Katastrophen in der „Komplexitätsfalle“ der Welt darzustellen.

 

„Die gesamte industrialisierte Welt ist davon abhängig, dass sie ständig mit immer höher entwickelter Technik versorgt wird“. Außerdem sind die Systeme die unsere Lebensweise erst möglich machen, vollständig miteinander verknüpft“. Jedes System fußt auf einem anderen System und so ergibt sich eine hohe, vor allem aber gefährdete Komplexität durch unvorhersehbare Ereignisse.

 

Was nun würde passieren, wenn das „Kartenhaus“ zusammenfällt und was würde die „Musik der Technik“ zu verstummen bringen? Vor allem aber, was wäre, wenn das wirklich passiert?

Das sind die Grundfragen, denen Casti im Buch nachgeht und innerhalb derer er durchaus „schwarz malt“. Nichts für schwache Nerven also. Auch wenn Casti durchaus differenziert genug argumentiert, um nicht als reiner „Unheilsprophet“ sich darzustellen. Im Verweis aber auf bereits geschehene „Erschütterungen“ des „komplexen“ und damit breit anfälligen Weltsystems (deren Folgen bis zum aktuellen Zeitpunkt nachwirken und noch nicht gelöst sind), stellen sich seine düsteren Ausführungen als durchaus denkbar dar und gehören nicht ins Reich der Fantasie.

 

Weltweite Pandemien werden seit langem befürchtet, sollte das erste multiresistente Virus auftreten. Eine nachhaltige Störung des Internet oder der Stromversorgung durch einen elektromagnetischen Impuls oder einen gezielten Hackerangriff, all dies ist denkbar, möglich und würde die Robustheit der Zivilisation nachhaltig auf den Prüfstand stellen, wie Casti überzeugend ausführt. Was passiert, wenn Lebensmittel plötzlich aus dem ein oder anderen nicht vorhersehbaren Grund sich global verknappen? Wenn Trinkwasser in der Breite Mangelware wird?

 

Im Kern seiner Betrachtungen rekurriert Casti dabei auf die „aufgeblähte Komplexität“ des modernen Lebens und warnt vor dieser Komplexität, die, im Bild, immer noch ein paar zusätzliche Karten auf ein an sich bereits fragiles Kartenhaus setzen und damit die Risiken erhöhen. Das dabei „intelligente Roboter“ sich die Menschheit unterwerfen mag durchaus zu Recht an den äußersten Rand des Wahrscheinlichen verbannt werden (noch), dass aber Strom, Nahrung und Rohstoffe in beständiger hintergründiger Gefahr stehen, das ist real und wird von Casti in den inneren Zusammenhängen verständlich in der Tiefe dargestellt.

 

Überzeugend in Analyse und Darstellung zeigt sich das Buch in Fragen der Bewältigung solcher „auf jeden Fall eintretender X-Events“ aber doch sehr vage. Einerseits will Casti die kritisierte Komplexität zu immer besseren, technischen Vorhersagbarkeiten nutzen, andererseits plädiert er in Richtung einer „Flexibilität“ des Menschen und des Lebens. „Anpassungsfähig bleiben“ ist sein Rat, was ein bisschen wenig erscheint im Anblick all dessen, was Casti an die düstere Wand der Zukunft malt.

 

In Analyse, Darstellung und klarem Blick auf die Folgen einschneidender Katastrophen überzeug Casti durch fundierte Argumente und verständliche Ausführungen. Ein konstruktiver Ausblick kommt zu kurz (ist aber vielleicht auch bei diesem Thema der X-Ereignisse gar nicht wirklich möglich). Sich mit den Themen zu beschäftigen, sozusagen „gewappnet“ zu sein, dass dies passieren kann und sich an möglichst vielen Orten und Stellen darauf ein stückweit einzurichten, dazu verhilft die Lektüre allerdings durchaus überzeugend.

 

M.Lehmann-Pape 2012