Klett-Cotta 2014
Klett-Cotta 2014

John Gottman – Die Vermessung der Liebe

 

Formeln für die Liebe

 

Online-Paaragenturen werben zu Hauf damit. Wohl seitdem es Menschen gibt, ist es ein motivierendes Moment, die Liebe, das „Glück als Paar“, berechenbar zu machen und damit kontrollierbar zu gestalten. Was scheinbar auf weiter Strecke weder solchen Agenturen noch vielfachen Paartherapeuten unbedingt gelingt.

 

Aus seinem „Love Lab“ heraus, einem Ort der „Beobachtung (per Video) von Paaren über gewisse, eingeschränkte Zeiträume hinweg, macht sich nur John Gottman auf, eine „Formel für das Glück“ dem Leser zu erläutern. Eine im Kern verhaltenspsychologischer, auf Biorhythmen und „messbaren“ Ausschlägen“ aufgebaute Laborbetrachtung (mit konkreten Aufgaben auch an die Paare, die ausgewertet wurden), aus der Gottman seine  Schlüsse zieht.

 

Wobei das wichtigste der Prinzipien keine weitere Verwunderung beim Leser auslösen wird:

„Eine tiefe, freundschaftliche Verbundenheit“ ist die Grundlage, für eine dauerhaft gelingende Beziehung. Zumindest bei jenen Lesers keine Verwunderung auslöst, die sich vom Bild des „Prinzen auf dem Schimmel“ oder der „holden Prinzessin“ als Beziehungspartner deutlich gelöst haben. Märchen sind eben Märchen.

 

Bei diesem Kern kann der Leser letztendlich auch verbleiben.

 

Natürlich gibt es viel an Erkenntnissen drum herum im Buch zu finden, natürlich formuliert Gottmann auch vieles andere an Elementen einer dauerhaften und zugewandten Beziehung.

 

Aber im Blick auf jene Paare, die man kennt und gar auf die eigene Beziehung, die man vielleicht führt, im Blick auch auf getrennte Paare und vielleicht eigen erlebte Trennungen ist diese einfach klingende Frage doch jene, an der sich „das alles“ entscheidet.

 

Ist man „Freund“ mit seinem Partner, Partnerin, bzw. war man das, wo Partnerschaften nicht mehr bestehen.

 

Und die Grundlage von Freundschaft (aller Art) ist „Vertrauen“.

 

Da muss man, und sei es auch nur im Stillen, Gottman durchaus ein stückweit Recht geben, wenn er  „Untreue“ als „den Grund“ des Scheiterns von Beziehungen ausmacht“.

„Untreue“ (in vielfacher Form bei Gottman gemeint, übrigens, nicht nur die sexuelle Untreue) zieht so gut wie ohne Ausnahme eine Verletzung und eine Krise nach sich. Und damit die Grundlage für die „freundschaftliche Bindung“ erheblich im Ungleichgewicht. Das Untreue als Zeichen von Unzufriedenheit aber auch zu werten ist und daraus sich eine konstruktive Arbeit an der eigenen Beziehung ableiten kann, das kommt in diesem „metrischen System“ dann doch ein wenig zu kurz.

 

Durchweg aber ist es anregend zu lesen, wie Gottman ein „locker lassen“ formuliert und propagiert, ein „Herunterkochen“ vieler „Paar-Aufregungen“, wie nicht die leidenschaftlich wegschwemmenden Gefühle, sondern die entspannte, vertraute Freundschaft in den Mittelpunkt rückt. Wie nicht „sexuelle Hochleistung“ den Alltag verschönert, sondern die Bereitschaft zu einem „Nein, heute nicht“, auf Dauer zu messbar mehr an sexueller Aktivität führt.

 

Alles in allem bietet Gottman hier einige Impulse, die durchaus für erhellendes Erstaunen sorgen.

 

Vielleicht ist die Vorstellung der Romantik von einer „immerwährenden Glut, die sich im anderen verzahnt und verzehrt“ einfach auch Unsinn für den Alltag und dennoch mit ein zu beherrschendes Bild in vielen Köpfen. Ruhe statt aufdringlicher „Pseudo-Leidenschaft“, „eigene Klärung der inneren Befindlichkeit und Sicherheit“ statt „Eifersuchtsdramen gegen den anderen“.

 

Das lässt sich übrigens aus diesem Buch gut herausziehen: Die Mär vom „klärenden Streit“ ist tatsächlich nur ein Märchen. Streiten hilft Beziehungen nie zu einer „besseren Lösung“, sondern führt einzig und allein zum Verharren beider in ihren „jeweiligen Ecken“.

 

Was nicht zur Resignation führen sollte, eher zur Verantwortung für „eigene Lösungen“, ohne immer das Verhalten des anderen anpassen zu wollen oder dessen Reaktionen zu benötigen, die eigenen Probleme zu lösen.

 

 

So einiges an „Entspannung“ und „Zurecht-Rückung“ von Vorstellungen von Beziehungen und was Paar zufrieden macht (und zufrieden erhält) erschließt sich aus der Lektüre des Buches. Da ist es fast nebensächlich, dass die „Metrik“, die „mathematischen Berechnungen und Formeln“ Gottmans doch arg „im Labor konstruiert“ wirken.

 

M.Lehmann-Pape 2014