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John Kay – Obliquity. Die Kunst des Umwegs

 

Die ganz andere Art, Ziele zu erreichen

 

Ein Ziel überlegen, einen methodischen Plan erstellen, Hilfsmittel analysieren und dann den Weg Schritt für Schritt abschreiten, dass ist die klassische Art der Planung.

 

Insofern befremdet der Titel „Die Kunst des Umwegs“ zunächst eher und bedarf dringend einer Beleuchtung. Wenn zudem ein ehemaliger Professor für Management in Harvard und späterer, erfolgreicher Unternehmensberater dass behauptet, dann lohnt es sich allerdings allemal, gründlich hinzusehen, wie ein hochgeachtetes Mitglied der streng methodisch und logisch orientierten Wissenschaft und Unternehmensberatung mitsamt seiner praktischen Erfahrungen die Quintessenz zieht, dass Umwege oft nötig sind zur Erreichung von Zielen, wenn nicht sogar die bessere Variante.

 

Schon im Klappentext werden einige seiner grundlegenden Beobachtungen genannt. Wie kann es sein, dass die glücklichsten Menschen gar nicht nach Glück strebten oder streben? Bergsteiger zum Beispiel gehen schwierige, belastende und, beim Abschreiten zumindest, eher anstrengende und quälende, denn glückliche Wege. Erst, wenn der Gipfel erklommen und man selbst heil wieder zurückgekehrt ist, stellt sich das tiefe Gefühl von Befriedigung ein. Auf unwegsamen Wegen wird die eigene Befriedigung erreicht, auf Umwegen eben.

 

John Kay stellt im Zuge dieser Beobachtungen (die er natürlich im Buch einprägsam und ausführlich genauer beleuchtet) eine Arbeitshypothese auf, die sich zur Einsicht verdichtet. Komplexe Ziele und Probleme  benötigen fast grundlegend eher einen indirekten Weg, um sie umzusetzen. So, wie auch geographisch der direkteste Weg nicht immer der kürzeste ist, wenn man eventuelle Hindernisse mit betrachtet.

 

Also erst einmal eine andere Richtung einschlagen, Nebengleise betrachten und gehen, statt auf einer vermeintlichen Hauptstrasse nach vorne zu eilen. Die grundlegenden Erfahrungen zeigen, dass analytische Planung und methodisches, zielgerichtetes Vorgehen weitaus weniger zum Erfolg führen denn dass die Versuche versanden oder durch anderweitige Einflüsse in die Irre gehen. Oft sind Ziele nur ungenau zu beschreiben (was genau ist Glück? Für jeden einzelnen?) und Varianten des Lebens kaum vorhersehbar.

Mit diesen Erkenntnissen stellt Kay tatsächlich einige tief innewohnende, grundlegende Überzeugungen der westlichen Welt auf den Kopf. Und tut dies nicht aus der hohlen Hand, sondern in äußerst luzider und argumentativ zwingender Form. Obliquity bezeichnet dabei weniger eine „erlernbare, logische“ Methode, sondern ein alternatives Denken. Ein Denken um Ecken herum, ein Denken, dass die Komplexität des Lebens, der Ziel und mancher Probleme akzeptiert und wahrnimmt.

 

Die indirekte Herangehensweise, deren Effizienz Kay an vielen Beispielen gerade aus der Kunst, der Politikk und der Architektur verdeutlicht, verkompliziert eine Strategie eben nur vordergründig zu Beginn  der Überlegungen, um das Problem sodann zu vereinfachen und somit handhabbarer zu gestalten. Im Kernsatz kann er so formulieren, dass die beste Lösung eines Problems eben häufig nicht die naheliegende Lösung ist. Der erfolgreiche Geschäftsmann z.B. ist in diesem System (und im Rahmen der Erfahrungen Kays) somit nicht der ständig entschlossen vorgehende „Entscheider“, sondern der, der die Potentiale seines Unternehmens unentwegt austariert und das gesamte Unternehmen somit erfolgreich durch „nicht behebbare“ Unsicherheiten navigiert.

 

Auf das Leben als solches übertragen führt das Buch zum Mut, in seinem eigenen Leben die Unsicherheiten ob der Komplexität der Ereignisse anzunehmen und durchaus auf eher indirekten Wegen sein Lebensschiff hindurch zu navigieren. Das Leben ist kein starres System, dass eindeutig gefasst und entschieden werden könnte, sondern ein variables System mit mannigfaltigen Unsicherheiten, die nicht kontrolliert werden können. Somit besteht der Ansatz von Kay in einem „alternativen Denken“,in dem das Leben an sich als Prozess verstanden wird, der ständige Anpassung an neue Gegebenheiten erfordert.

 

Ein nicht unbedingt leicht zu verstehendes Buch, trotz der einfachen Sprache, die Kays benutzt, dass hier und da den Kopf rauchen lässt, da es ein ganz anderes als das gewohnte Denken in Ursache-Wirkung Bahnen postuliert. Die Anstrengung des anderen Denkens aber lohnt sich durchaus, denn viele einsichtige Wahrheiten finden sich im Buch, die für das alternative Denkmuster nach Kay aufgeschlossen machen.

 

M.Lehmann-Pape 2011

John Kay

 Jahrgang 1948, war Professor für Management in Oxford und führte eine eigene Unternehmensberatung. Er ist Gastprofessor an der London School of Economics und Direktor des Institute for Fiscal Studies.

 

(Quelle: dtv)