oekom 2012
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Jorgen Randers - 2052

 

40 Jahre nach „Die Grenzen des Wachstums“

 

1972 war die leitende Frage einer Gruppe von Wissenschaftlern am MIT, der auch Jorgen Randers angehörte: „Was wird im Lauf der nächsten 130 Jahre geschehen, wenn die Menschheit beschließt, ganz bestimmte Strategien zu verfolgen“? Ohne damit den Anspruch einer „Prognose“ zu erheben, da die Gruppe am MIT unzählige Unwägbarkeiten im Raume stehen sah. Dennoch erzeugte das damalige Buch eine rege Diskussion und eine weite Verbreitung. Vor allem in der nüchternen Bestandsaufnahme: „Wenn sich nicht grundsätzlich etwas ändert, ist die Menschheit im Begriff, auf gefährliche Weise über die materiellen Grenzen unseres Planenten hinauszuwachsen“.

 

Mit nun, wie Randers sachlich anführt, zwei Alternativen, die damals bereits benannt wurden: Entweder „gesteuerter Niedergang“ durch die „geordnete Einführung einer neuen Lösung“ oder eben „Zusammenbruch“. Denn eines ist sicher: „Die Grenzüberziehung kann nicht dauerhaft aufrecht erhalten werden“. Letztlich also stellt Randers auch 40 Jahre nach dem ersten Bericht die Frage, ob der Mensch als Menschheit lernfähig ist oder eben nicht und dann dumpf vor die Wand läuft. Die von der Gruppe am MIT erwartete „vorausschauende und weise Politik“ ist offenkundig zumindest nicht durchschlagend eingetreten.

 

Auf dieser Basis wagt Randers nun „einen Schritt weiter“. Nicht „Tendenzen“ will er benennen, sondern eine konkrete „Prognose“ im Sinne einer „wohlbegründeten Vermutung“ abgeben für die nächsten 40 Jahre. Und die hat es (negativ) in sich, für schwache Nerven jener, die ein „weiter so, wird schon gehen“ propagieren, ist dieses Buch wahrlich nicht geeignet, wohl aber für eine sachliche, nüchterne und sicher auch harte Debatte auf der Grundlage der erhobenen Fakten und deren Deutung im Buch.

 

Einen umfassenden Bericht in (fast) allen relevanten Lebensbereichen des Menschen auf diesem Planeten legt Randers im Folgenden detailliert, fundiert, nachvollziehbar und überzeugend argumentiert vor. Ein Bericht, der vor allem eines aufzeigt: Wenn weiterhin keine grundlegende, harte und radikale Änderung in der Politik und der Haltung des Menschen an sich eintritt,  steht ein „Zusammenbruch“ tatsächlich bevor. Wobei Randers kein „Untergangsprophet“ ist, der polemisch alleine Aussagen tätigt. Ganz konkret bietet er „Lösungen“ an, ruft nach anderen „Haltungen“, die auf der Basis seiner Erkenntnisse und seiner Prognose für ein „Umsteuern“ unabdingbar sind.

 

Gar nicht ironisch gemeint sind dann aber  auch die sperrigen und aufrüttelnden „Ratschläge“ zum Schluss, die dann greifen, wenn es zusammenbrechen sollte! Und die, wenn man sie list, in ihrer negativen Ausrichtung fast noch stärker wirken als die feinteiligen Argumente im Buch selbst. Denn Randers ist auch Realist. Ob man seinen Ratschlägen auf oberer Ebene folgt, das ist für ihn durchaus zweifelhaft und so gibt er persönliche „Wegweisungen“, das allein „eigene Wohlergehen“ nach vorne zu bringen

 

Mehr Wert legen auf  Zufriedenheit statt auf Einkommen. Dinge vermeiden, die nur kurzfristig Bestand haben. Hochwertige Unterhaltungselektronik statt „Realität“, beugt brutalen Enttäuschungen vor. Kinder nicht zu Naturliebhabern machen, denn das wäre zu hart, wenn die Natur entfällt. Vielfalt genießen, solange es sie noch gibt. Sehenswürdigkeiten besuchen, bevor diese ruiniert sind.  An einen Ort ziehen, der vom Klimawandel kaum betroffen wird. In ein Land ziehen, das entscheidet statt nur Interessen der Mehrheit abwägt. Einen Job in erneuerbaren Energien suchen, Mandarin lernen. Sich davon verabschieden, das Wachstum gut ist. In Dinge investieren, die robust gegen soziale Unruhen sind. Und an Politiker: Bitte nur unterstützten, was kurzfristig Gewinn verspricht. Und daran denken, dass die Zukunft viele Grenzen bereit halten wird.

 

Es ist zu empfehlen, die Lektüre des Buches mit den Ratschlägen am Ende zu Beginnen, um dann, sehr beunruhigt, der fundierten Darstellung im Buch von Beginn an in entsprechender Haltung gegenüber zu treten.

 

Es bleibt die Hoffnung Randers, er möge irren mit seiner Prognose und es bleibt der Aufruf: „Leben sie mit der drohenden Katastrophe, ohne die Hoffnung zu verlieren“. Gerade in seiner profunden Sachlichkeit entfaltet das Buch eine enorme Wirkung auf den Leser. So er bereit ist, sich der Realität des Zustandes zu stellen und Randers Analyse mit offenen Augen zu lesen. Gegen alle Bequemlichkeit und gegen alle Neigung eines „wird schon gut gehen“.

 

M.Lehmann-Pape 2012