dtv 2016
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Jos Kessels – Das Sokrates Prinzip

 

Äußerst lesenswert

 

Was lohnenswerte Ziele sind. Wie man sein Leben ausrichten kann (könnte oder sollte). Was „seit jeher“ (auch wenn das zeitlich nicht ganz stimmt) an „ehernen“ Erkenntnissen über Zweck, Sinn und praktische Gestaltung des Lebens zu finden ist, das hat Jos Kessels in diesem sehr lesenswerten, sehr kundigen und sehr ruhig und sachliche verfassten Buch gesammelt.

 

Es muss eben nicht immer alles  neu erfunden werden, es geht, in den wesentlichen Aspekten eines „geglückten“ Lebens letztlich nicht um einen stur „nach vorne“ gerichteten Blick und die Erwartung „neuer Erfindungen“ auch auf philosophischer oder allgemein menschlicher Ebene, sondern die wichtigen Fragen des Menschen nach dem warum, wozu und wohin sind seit Beginn der Zivilisation bereits im Raum und haben zu allen Zeiten gewichtige Antworten bereits gefunden.

 

Und, folgt man Sokrates so, wie es Kessels vollzieht, dann wird klar, dass diese gewichtigen Antworten vor allem die richtigen Fragen benötigen, um wirksam zu sein. Dass es dabei um „konkrete“ Anliegen zu gehen hat, um das persönliche, individuelle Leben, das, was einen „wirklich angeht“ und berührt und weniger um Allgemeinplätze, allgemein formulierte Lebensregeln oder Plattitüden, die das eigene Denken vielleicht beruhigen, aber nicht ersetzen können.

 

In der Methode, die Kessels sehr genau beschreibt und in der sich seine Betrachtungen im Kern drehen, finden sich bei Sokrates im Übrigen ganz „moderne“ Haltungen, die aus der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie und anderen psychologischen Systemen als „helfende und heilende“ Haltung inzwischen breit erforscht und bekannt sind.

 

Empathie aufzubringen, dem Gegenüber konkret und mit Anteilnahme zu begegnen auf jener Ebene, auf der wirklich Bedeutung zu spüren ist, dann aber die Antworten auf Probleme und die Lebenswege dem anderen überlassen zu können (Akzeptanz heißt diese Haltung bei Carl Rogers), dies sind Hinweise auf die Gestaltung auch des eigenen Lebens, die aus sich heraus bereits eine überzeugende Wirkung entfalten.

 

Wenn Fragen und Ereignisse begegnen, ist es ja offenkundig, dass eigentlich nur solche es wert sind, sich mit diesen näher zu beschäftigen, die wirklich für die eigene Person Bedeutung besitzen, die konkret das persönliche Leben angehen. Was das, was passiert, jeweils wirklich bedeutet, wo es etwas bedeutet und wie man dieser Bedeutung letztlich dann auch gerecht werden kann (und sollte, um je inneren Frieden zu finden statt „nur“ auszuweichen), dazu verhilft jene Haltung, die Sokrates zum Mittelpunkt seines philosophischen Denkens gemacht hat, ungemein.

 

Und um diese Haltung genau zu verstehen und praktisch einüben zu können, dazu verhilft dieses überschaubare und sehr verständlich verfasste Buch wiederum in bester Weise.

 

Die Ideen anderer im Zusammenhang mit deren Persönlichkeit und Motiven genau zu untersuchen, sich zu dem, was man findet, tatsächlich  mit innerer Beteiligung zu verhalten, Bejahung oder Ablehnung in sich zu entwickeln und darin Schritt für Schritt den eigenen Weg zu konkretisieren, das ist eine überlegte, reflektierte Herangehensweise, die sicherlich im Alltag einiges an Mühe kostet und der gewollten Oberflächlichkeit des alltäglichen Lebens nicht wirklich entspricht, aber dies stellt vor allem eine Haltung dar, mit der „Selbsterkenntnis“ sehr gründlich möglich wird und damit das eigene Leben an Tiefe und Qualität beginnt, zu gewinnen.

 

Ideen untersuchen, in Worte fassen und auf ihre Gültigkeit hin überprüfen, eine Herangehensweise an das Leben, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat, egal, wieviel Jahrhunderte diese Methode bereits bekannt sein mag, sie will in jedem Leben neu entdeckt werden. Sparsamer mit Worten zu werden, die „Melancholie des Mangels“ annehmen zu lernen und „das Eine“ zu suchen und dann auch den Mut zu finden, dieses „Eine“ zu entscheiden.

 

 

Eine hervorragende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016