S.Fischer 2012
S.Fischer 2012

Josef H. Reichholf – Einhorn, Phoenix, Drache

 

Eine Reise in den Ursprung der Fabeltiere

 

Dass sich ein Evolutionsbiologe und Professor für Ökologie und Naturschutz, der bis dato eine Reihe durchaus lesenswerter Sachbücher, nicht nur über sein Kernthema, die Ökologie, vorgelegt hat, sondern unter anderem sich auch der „Schönheit“ schon zugewendet hat, sich nun in die Regionen von Märchen und Fabeln begibt, lässt durchaus aufhorchen.

 

Der Phoenix, das Weihnachtstier, der Eisvogel, der Drache, das Einhorn, wohlbekannt aus alten Sagen und Fabeln, aber mit einem realen Kern versehen? Dieser Frage geht Reichholf als Evolutionsbiologe sachlich und breit nach.

 

„Lässt sich etwas erfinden, für das es kein Vorbild gibt?“, ist seine Leitfrage und, wie er im Buch durchaus fundiert und gut lesbar nachweist, die Antwort lautet „Nein“.

 

Es gibt sie, die Vorbilder für jene „Fabelwesen“. Und mehr noch, Reichholf bleibt bei dieser rein biologischen Frage nicht stehen. Ebenso wendet er sich der Frage zu, was denn überhaupt den Reiz dieser Kreaturen ausmacht, dass Sie über die Jahrhunderte, Jahrtausende hinweg in allen Generationen von Menschen „nicht tot zu kriegen“ sind. Auch wenn die realen Vorbilder überhöht, entstellt wurden durch Sagen und Erzählungen, es gibt sie und sie sind wichtig, real wie überhöht. Produkte der Kunst, aber auch des Triebes des Menschen, zu „fabulieren“, allgemein gültiges, Wichtiges, Wesentliches in fantasiereichen Geschichten zum tragen zu bringen.

 

So stimmt ebenso, was Reichenholf zu Grunde legt und nachweist: „Die Faszination, die von Drachen, Einhörnern ...... und anderen Fabelwesen ausgeht, enthüllt .... wesentliche Aspekte unserer Menschennatur“.

 

Dass der Mensch mehr von Gefühlen als von der Vernunft angeleitet wird, dass das Geheimnisvolle stärker lockt als das Aufgeklärte. Das viel Unbewusstes auch mitschwingt in dem, was Menschen den Fabeltieren „andichteten“, Wichtiges Unbewusstes.

 

So geht Reichholf einige der bekannten Fabeltiere hindurch, zeigt auf, wo die realen Wurzeln liegen (Phoenix – Flamingo; Einhorn – Oryx usw.), zeigt ebenfalls auf, wo eine reale Herleitung nicht möglich ist (interessanterweise beim doch naheliegendem Drache – Echse Vergleich, der aber nicht zu halten ist)  und verweist dann aber ebenso interessant auf die Deutungen, die Menschen in ihrem „Fabulieren“ den entsprechenden Tieren gegebene haben und wie in diesem Deuten Überhöhungen der Realität, fantasiereiche Durchbrechungen, durchaus sinnvoll ihren Platz gefunden haben (bis hin z.B. zur Deutung des Phoenix als Reinigung Christi im Rahmen der Renaissance).

 

In Form und Stil bildet das Buch ein fundiertes Sachbuch, wie ein Roman liest es sich nicht und auch Legenden und Sagen nehmen keinen breiten Raum ein. So verbleibt Reichholf im eher nüchternen und teils auch trockenem Stil, bietet aber einen nachvollziehbaren und überzeugenden Einblick in den Ursprung mancher Fabelwesen und warum und wie aus Ihnen wurde, was man heute von Ihnen in Form von Sagen, Legenden und Fabeln kennt. Tiere, die von Anfang an etwas Besonderes und Bedeutsames für die Menschen einer bestimmten Region hatten und durch dieses je Besondere als „Transporteure“ tieferer Botschaften dienten.

 

M.Lehmann-Pape 2012