dtv 2016
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Julian Baggini – Ich denke, also will ich

 

Geprägt oder frei oder beides?

 

Philosophie ist „in Mode“. Zumindest, was die doch erkleckliche Zahl an Veröffentlichungen in den letzten Monat direkt oder im weiteren Sinne zu philosophischen Themen (wie z.B. der Wirtschaftsethik oder der allgemeinen Ethik) angeht. Sei es das großangelegte Projekt der „Welterkenntnis“ von Precht, sei es das „Sokrates Prinzip“, seien es vielfache andere Veröffentlichungen.

 

Schon der Titel dieses Werkes, eine Spielerei mit dem bekannten „Ich denke, also bin ich“ von Descartes zeigt auch hier die philosophische Ausrichtung und konkrete Thematik des Buches an.

 

Die Frage nach dem „freien Willen“ steht im Mittelpunkt der Erläuterungen von Baggini, die in flüssigem Stil und gut verständlich vorgelegt werden.

 

Ausgehend von aktuellen fast „Schicksal-Gläubigkeiten“, wie im Denken Stephen Hawkings („….sodass schwer einzusehen ist, wie wir unseres Schicksals Meister sein können“), dem stringenten Denken im „Ursache-Wirkung-System“, in dem es nur um die Frage nach der letzten, der „eigentlichen“ Ursache geht und nicht nach den Entscheidungsfreiheiten für morgen. Eine Tendenz, die Baggini zusammenfasst im Satz: „Der freie Wille ist eine Illusion“.

 

So die eine Seite eines sich verfestigenden Denkens. Andererseits gilt landläufig natürlich in der Breite immer noch „jeder ist seines Glückes Schmied“ und die feste Überzeugung, dass nur die eigene Person mit den eigenen Entscheidungen das Leben bestimmt.

 

Zwischen diesen beiden Polen arbeitet Baggini sich im Folgenden im Buch mit interessanten Einsichten und hier und da einem anregenden „Querdenken“ hindurch. In einem Denkmuster, das eben zwischen den Polen „ins Schwimmen“ gerät. Verantwortung stärken einerseits, damit Menschen bewusst ihre Freiheit gestalten können, Fatalismus andererseits als eine Determination durch Gene, Kindheit und Umwelt.

 

Wobei Baggini von vorherein klarstellt, dass er auf der Seite jener steht, die den freien Willen postulieren, im weiteren Verlauf aber ebenso differenziert darstellt, dass dies nicht „vom Himmel fällt“, sondern sich vom Menschen in gewissen Hinsichten und da, wo starke Prägungen vorhanden sind, auch hart erarbeitet werden muss.

 

In fünf Teilen führt Baggini durch diese Denkmuster hin zur möglichen Entfaltung des freien Willens. Stellt zunächst die Entwicklung des Gedankens in der westlichen Philosophie dar und geht dann sehr verständlich auf den Begriff der Freiheit an sich ein, den aus Erfahrungsperspektive her entfaltet und nicht aus dem eher abstrakten wissenschaftlichem Diskurs herleitet. Was gerade auch der Verständlichkeit des Buches (nicht nur an dieser Stelle) äußerst guttut.

 

Dass es kein Denken in Polen ist, das den freien Willen begleitet, sondern letztlich Abstufungen von persönlicher Freiheit sind (unter graduell möglichen Einschränkungen des freien Willens) öffnet dann den Blick des Lesers für die abschließende Betrachtung, nicht wie ein freier Wille entsteht, sondern welche Art von freiem Willen erstrebenswert ist. Denn auch hier kehrt Baggini ein stückweit der „reinen Lehre“ den Rücken (dem „idealen freien Willen“) und sucht pragmatisch und praktisch die „realistische Ausgabe des freien Willens“. Das einerseits dem Individuum eben nicht unendliche Wahlmöglichkeiten gegeben sind, sondern dass durch Vererbung, Umwelt, Bildung, Umfeld je verschiedene Möglichkeiten nur zur Verfügung gestellt werden. Innerhalb derer aber durch „geschulte Intuition“ und ein „darüber hinaus träumen“ durchaus eigene, freie Wegabschnitte eröffnet und gegangen werden können.

 

Ein das Denken anregendes Buch, dass eine der Kernfragen der Philosophie aus der Ecke der reinen wissenschaftlichen Diskussion herausholt und in den ganz praktischen Lebensvollzug zu stellen versteht. Eine empfehlenswerte Lektüre.

 

 

 

M.Lehmann-Pape 2016