Pattloch 2014
Pattloch 2014

Karen Armstrong – Im Namen Gottes

 

Kriege des Glaubens?

 

Wenn es ein höchstes Wesen gibt. Wenn dieses Wesen spricht, sich dieses höchste Wesen eine bestimmte Gruppe als “Erwählte“ auserkoren hat und „Erwählt“ späterhin all jene sind, die sich den „Mitteilungen“ glaubend anschließen , dann ist es folgerichtig, die Mitteilung, die „Botschaft“ um jeden Preis zu befolgen  und zu verteidigen, denn das „ewige Leben“ hängt ja davon ab. Kampf also ist das Elixier der Religionen, könnte man vorschnell behaupten.

 

Beginnend schon bei Kain und Abel, einem vordergründig durchaus als religiösen Konflikt zu begreifendes Geschehen. Gott sah das Opfer des einen wohlwollender an als das des anderen. Und der erste Religionskrieg fand sein Opfer. So die einfache Lesart.

 

Oder ist es doch nicht dieser Gott und „die Religion“, welche den Brudermord auslösten, sondern einfach persönliche Gefühle wie Wut, Ärger, sich zurückgesetzt fühlen, Eifersucht, Neid und Hass?

 

Oder, moderner ausgelegt, ist diese Geschichte nicht vor allem eine Erinnerung daran, wie schon von Beginn an um Ressourcen erbittert gekämpft wurde?

 

In diese Richtung nämlich kann man Armstrong im Buch in bester Weise folgen, wenn sie beredt, fundiert und überzeugend hinter die Masken der Kriege und Kämpfe schaut, die man so vorschnell „der Religion“ und „dem (fanatischen) Glauben“ ursächlich zuordnet.

 

„In der westlichen Kultur geht man heute selbstverständlich  davon aus, dass Religion zwangsläufig mit Gewalt einhergeht“.

 

Und genau hier bietet diese breite und fundierte Untersuchung auch für die gegenwärtige, verfahrene Lage wichtige Gedanken und eine saubere Trennung.

 

Denn, bei genauerem Hinsehen, die historisch erkennbare Gewalt, die Kreuzzüge, Kriege, der brachiale Umgang mit Ungläubigen in allen großen Religionen hatte noch und gar primär meist ganz andere Hintergründe als den „Glauben“. Ignoriert sogar teils mit aller Macht die „andere“ Seite des Glaubens, die verbindende, den Respekt vor dem anderen einfordernde, die „liebende“ Seite aller Glaubenssysteme.

 

Zwar schwärt in absoluten Religionen durchaus auch ein Funke von Aggression gegen all jene, die genau diesen absoluten Glauben nicht leben.

Andererseits bricht dieser Funke kaum jemals unmotiviert aus, zu stark sind die humanen, friedensstiftenden Hinweise in allen heiligen Schriften und „Botschaften Gottes“.

 

So könnte es man nach der Lektüre des Buches als Faustregel begreifen, dass da, wo Religionskriege nach vorne treten, bei genauerem Hinsehen ganz andere, erkennbare Machtinteressen hinter all dem stehen. Vor allem aber eben Machtinteressen und nicht Glaubensfragen.

 

Interessen, die sich dann allerdings die Anfälligkeit des Glaubens für den Affront der Verweigerung oder gar eines ganz anderen Glaubens zu Nutze machen, und gezielt die versöhnlichen Töne jedes der großen Glaubenssysteme zum Schweigen bringen.

 

Nicht die Religion wäre dann „fanatisch“, sondern Gläubige würden gezielt „fanatisiert“ werden durch Zuckerbrot und Peitsche, gefüllt mit Inhalten und Bildern der Glaubenssysteme.

 

Wobei über die meiste Zeit der Geschichte Politik und Religion an sich faktisch völlig ineinander verwoben und untrennbar ihren Weg gemeinsam gingen, somit jeder weltliche Krieg ein religiöser zugleich war und umgekehrt.

Selbst aber, als diese Wege sich trennten, hat die Gewalt in keiner Weise geendet. Auch die säkulare Welt führt Kriege und das nicht weniger und nicht minder hart, als es die sakrale Welt getan hat.

 

So erweist Armstrong schon hier, dass „Krieg“ im Kern kein „religiöses Ding“ ist, sondern eine destruktive menschliche Form, Konflikte auszutragen, eigene Wünsche zu befriedigen.

 

Bis dahin im Übrigen, dass Armstrong intensiv darzulegen versteht, wie sehr der Mensch anfällig für den „hehren“ Krieg war (und ist), als eine Möglichkeit der „Flucht“ aus der „weitgehenden Flachheit und Fadheit unseres Lebens“.

 

„Der Krieg ist ein verführerisches Elixier“.

Mit seinem Gefühl von Entschlossenheit und indem er „einen Grund für unser „Tun gibt“.

 

Sei es auf dem „edlen Pfad in Indien“, seien es die Krieger im antiken China, sei es in den drei großen monotheistischen Religionen, die Armstrong im Buch zum Schwerpunkt setzt.

 

Am Ende wird überzeugend argumentiert deutlich, dass „identische religiöse Glaubenssätze und Praktiken ganz unterschiedliche Handlungen auslösen können“, es also „die Religion“ gar nicht wirklich gibt.

 

Krieg ist somit nicht genuin religiös begründet, sondern genuin menschlich unter bestimmten Voraussetzungen, vor allem unter bestimmter Knappheit an Ressourcen.

 

So ist verständlich, dass Armstrong am Ende gar ein Plädoyer dafür hält (bei allem, was mit und durch religiöse Vermischungen auch an Fruchtbaren sich ereignet hat), genau jenen Zug der Religionen ernst und sorgfältig zu bewahren und zu stärken, der den Menschen in die Verantwortung für sein Tun, für das Leid der Welt und für große Gemeinschaft setzt.

 

 

Eine sehr interessante, sehr fundierte, sehr erhellende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014