Hirzel 2012
Hirzel 2012

Karlheinz A. Geißler – Enthetzt Euch

 

Kann man Zeit sparen?

 

„Der Mensch nimmt unter den vielen Lebewesen dieser Welt eine besondere Stellung ein. Als Einziger nämlich spart er Zeit. Und das tut er, seit er der Leidenschaft verfiel, die Zeit…….. zu organisieren und zu managen“.

 

Soweit der Einstieg in dieses neue Buch von Karlheinz A. Geißler, das nun aber nicht die neuesten „Zeitspartechniken“ näher bringen will, sondern wesentlich tiefgreifender nach der „Eile“ des Menschen und damit seinen Umgang nicht nur mit der Zeit, sondern nach sich selbst stellt. Menschen eben, die die Gegenwart für eine Zukunft opfern, die so nie eintreten wird, wie man es sich „zeitsparend“ plant und denkt. Im Übrigen stellt Geißler in diesem Zusammenhang ein „Zeitgefälle“ fest, dass sich durchaus am materiellen Gefälle festmachen lässt. Weniger Güter- und Geldwohlstand führt in den entsprechenden Kulturen dazu, dass dort viel mehr „die Zeit gelebt“ wird als in den hochindustriellen Kulturen dieser Welt. Ein Ansatz, den Geißler durchaus im Buch weiterhin aufgreift und verdeutlicht.

 

Bei näherer Betrachtung stellt Geißler noch ein Zweites, wichtiges fest. Dass der Mensch nicht Zeit „Hat“, sondern Zeit „ist“. Nur im Subjektiven existiert die Zeit. Woraus folgt, dass das, was der Mensch der Zeit „antut“, er letztlich sich selber antut. Die „wahre Zeit“ ist somit die persönliche, die erlebte Zeit, nicht jene, die auf der Uhr voranschreitet. Und so kann Geißler zu der recht einfach ausgesprochenen, nur mehr aber schwer umsetzbaren Formel im Zuge seiner Darstellung gelangen, dass: „Je weniger Tempo, desto mehr Zeit“. Die unbarmherzige Eile der Moderne ist es, die dem Menschen beständig das Gefühl der Zeitnot beschert und somit einen ständigen Druck ausübt.

 

Wie das aber nun gehen könnte, und warum das wichtig für den Einzelnen ist, sich die Zusammenhänge des subjektiven Zeitempfindens zu verdeutlichen, darin vertieft sich Geißler in gewohnt markanter und einfacher Sprache, bietet Beispiele und Einsichten und lässt sein Buch mit 10 ganz konkreten Möglichkeiten ausklingen, aus der eher als „Feind“ empfundenen Zeit mit ihrer mehrdeutig zu verstehenden „Raserei“ in Zukunft ein „Mehr“ an (subjektiv empfundener) Zeit zu gestalten. Das das Schnelle nicht immer gut und das Langsame nicht immer schlecht ist, das kann sicherlich jeder Leser intellektuell unterstreichen, aber auch für sich annehmen? Das sich Warten lohnen kann, auch in einer Zeit, in der jede Schlange und jede Verzögerung fast umgehend für inneren Stress sorgt. Das Umwege nicht in erster Linie ärgerlich sind, sondern hauptsächlich die Ortskenntnisse erhöhen, das gerade auch die Lange-Weile Zeit braucht. Und anhält zur Besinnung, zur Entspannung, zur Erdung, zur Stabilität, zur Auseinandersetzung mit der eigenen Person und dem eigenen Leben.

 

Impulse, die Geißler nicht einfach so in den Raum des Buches wirft, sondern die er im Vorfeld Schritt für Schritt einsichtig vorbereitet und dem Leser so die Möglichkeit gibt, die verschiedenen Haltungen und Umgehensweisen zur „Zeit“ zu vergegenwärtigen, das Paradoxe am weitverbreiteten „Zeitmanagement“ tatsächlich erkennen zu können und jederzeit, wie in einem Dialog mit dem Buch, die eigene Haltung und die eigenen „Zeitfehler“ erkennen und betrachten zu können.

 

Ein in sich stimmiges, argumentativ überzeugendes und praktisch höchst anregendes Buch, das eines auf keinen Fall ist: „Zeitverschwendung“.

 

M.Lehmann-Pape 2012