Zsolnay 2017
Zsolnay 2017

Konrad Paul Liessmann – Bildung als Provokation

 

Bildung hat es nicht einfach……ist aber wichtig.

 

„Bildung kann mittlerweile als wohlfeiler Joker überall dort eingesetzt werden, wo andere Informationen oder Praktiken versagen. Wer Bildung sagt, hat immer recht“.

 

Wie aber immer, wenn ein Begriff zum „Sammelbecken“ wird, wenn Pädagogik, Erziehung und Unterricht, „Beschallung im Mutterleib“ oder die Integration von Migranten allesamt subsumiert werden unter den Begriff „Bildung“, dann wird alles unscharf und der Begriff nurmehr eine (zumindest leicht) „Hohle Phrase“.

 

Und, das zum Zweiten von Liessmann pointiert eingeführt, wo in der gesamten Diskussion um die Bildung bleibt eigentlich der (klassische) „Gebildete“?

 

„Nicht einmal am Horizont der Bildungsplanung und der Bildungsbiografien, die nun untersucht und beschrieben werden, taucht der Gebildete auf, und wir wüssten auch nicht, an welcher Stelle der offiziellen Bildungskarrieren er in Erscheinung treten sollte“.

 

Was, unter Umständen, ein Problem des „Systems“ an sich sein könnte. Das den klassischen, humanistischen Begriff des „gebildeten Menschen“ nahezu lautlos, aber effizient ersetzt hat durch den „funktionierenden“ Menschen, den „Fach-Arbeiter“, dass nahtlos sich einpassende und strikt auf die Bedürfnisse vor allem der Wirtschaft hin zugeschnitten „Produzenten und Konsumenten“. Da könnte es gut sein, dass der „Gebildete“ stört. Denn im traditionellen Sinne verstanden macht Bildung auch zum „Störenfried“, zu einem „Hinterfrager“ bestehender Umstände. Oder zu einem eher „stillen“ Menschen, der oder die in einer Welt der „Selbst-Vermarkter“ wenig in „laute“ Erscheinung tritt.

 

Insofern ist das Buch von Liessmann eine überaus interessante Spurensuche und (Wieder-) Schärfung des Begriffes „Bildung“, der einerseits in aller Munde (und damit sehr wichtig zu sein scheint), andererseits mehr und mehr eher nebulös im Raume schwebt.

 

„Weder sollen sich Menschen bilden noch sollen sie gebildet werden. Erfordert ist heute der Erwerb von „Kompetenzen““.

 

Wie konkret sich das niederschlägt, vermag Liessmann am einfachen Beispiel der „Fake-News“ bereits prägnant vor Augen zu führen.

 

„Dazu gehört ein fundiertes Wissen, das es erlaubt, auch ohne Zensurbehörde die Fakten von den Fiktionen zu trennen“.

 

Und so stellt Liessmann die steil klingende These auf:

„Bildung, ernst gemeint, wäre heute eine Provokation“.

 

Was er nicht einfach im Raume stehen lässt, sondern fundiert argumentiert begründet, bevor er den konstruktiven Schwenk vollzieht, gerade in der Schnelligkeit, Funktionalität und Oberflächlichkeit der Zeit die „Sehnsucht nach fundiertem Wissen kritischer Reflexion…..und nach einer geschärften Urteilskraft“ wieder als Sehnsucht wachsen zu sehen.

 

 

Ein informatives, sehr zum Nachdenken anregendes Buch, das einen Teil gesellschaftlicher Kritik am Primat der „effektiven Funktion Mensch“ ebenso enthält, wie es die Sehnsucht nach Bildung im breiten Sinne und mehr Gelassenheit durch ebendiese Bildung bestärkt.

 

M.Lehmann-Pape 2017