Springer 2016
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Lars Jaeger – Wissenschaft und Spiritualität

 

Zwei Wege der Erkenntnis

 

In der Regel werden „Glaube“ und „wissenschaftliches Arbeiten“ als Gegensätze empfunden. Soweit, dass es geflügelte Sprüche dahingehend gibt, das ein „gläubiger Wissenschaftler“ nach der Arbeit den „weißen Kittel an den Haken hängt und das Gebetbuch dann erst in die Hand nimmt“.

 

Diese Dichotomie zwischen einerseits „harten Fakten“ des technischen Fortschritts und persönlicher Spiritualität (in vielfachen Formen in der Gegenwart) bildet einen zunächst augenscheinlichen Konflikt, wie Jaeger betont. Ein Konflikt, der in der modernen Welt zu einer „allgemeinen Verunsicherung und Orientierungslosigkeit“ führt, in der der Individualismus als fast „neue Religion“ auf pragmatischer und praktischer Basis „gepredigt“ wird, daneben aber der Mensch ohne das verbindend Gemeinschaftliche den Halt zu verlieren droht.

 

Jaeger nun eröffnet dem Leser eine Art „Zusammenschau“ der beiden Pole und zeigt auf, dass es zu den „großen“ Bereichen des Lebens eben nicht nur, einander ausschließend, „den einen“ Zugang gibt.

 

In der „Sinnfrage“ als erstem Hauptteil legt er überzeugend und verständlich so schon dar, dass es sowohl für den Einzelnen tragfähige Zugänge auf spiritueller und auf wissenschaftlicher Ebene gibt und dass das eine das andere durchaus befruchten kann und nicht nur in Reibung zueinander steht.

 

Beide „Ausrichtungen“ besitzen, auch das erläutert Jaeger umfassend, „gemeinsame geschichtliche Bezugsfelder, die sich im historischen Blick flüssig vor den Augen entfalten.

 

Beides, die Suche nach Sinn und die historischen gemeinsamen Felder bringt Jaeger im abschließenden Kapitel seines Buches zum Nachdenken anregend zusammen und skizziert dabei ein „modernes Verständnis der Spiritualität“, das durchaus seinen Platz hat, weiter finden wird und behaupten wird in einer Welt, die durch Wissenschaften stark und demnächst noch stärker geprägt ist und sein wird.

 

Wobei deutlich wird, dass die klassischen Stereotypen von „Disziplin und Ratio“ gegen „Schwärmerei und Gefühl“ so nie wirklich vorlagen, sondern an vielen Stellen der Wissenschaftsgeschichte beide „Seins-Formen“ in Verbindung traten und standen (z.B. bei der „leidenschaftlichen Raserei“ eines Johannes Keppler als innerer Antrieb für äußere Erkenntnisse bis zu den religiösen Reflexionen von Charles Darwin und vielfachen anderen Beispielen der Verbindung und der Ergänzung untereinander von Fakten und Glauben, Experiment und innerem Antrieb).

 

Zudem gilt weiterhin, und es ist gut, dass Jaeger das fundiert klarstellt:

„Eine Haltung naturwissenschaftlicher Erklärungs- und Deutungsallmacht ist fehl am Platze“.

Es gibt wissenschaftlich gesehen im Blick auf die „großen Fragen keine „finalen Antworten“.

Damit also findet die Spiritualität auch in der „modernen Welt“ ihren festen Platz mit vielleicht anderen, differenzierten Ausdrucksweisen (die Jaeger immer wieder kurz skizziert) und somit eine Verbindung im Menschen eingehen. Die allerdings nicht „von alleine“ gesetzt sind, sondern je persönlich auch entdeckt und entfaltet werden wollen.

 

In der Sprache eher nüchtern und wissenschaftlich zieht Jaeger einen großen Bogen um das Thema, geht vielen historischen Beispielen und Spuren nach und setzt das philosophische Nachdenken über den Sinn des Lebens und das eigene Tun auch für die Gegenwart als Form der Spiritualität gleichauf mit den Formen wissenschaftlichen Arbeitens und Forschens.

 

 

Eine anregende, nicht immer einfach zu versehende, aber lohnenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016