btb 2014
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Lisa Signorile – Missgeschicke der Evolution

 

Was es nicht alles gibt……

 

Von den liebevollen, bunten, handgezeichneten Illustrationen her wirkt dieses Buch eher wie ein Kinderbuch, eine Heranführung an das Tierreich in seiner besonderen Form. Ein Eindruck, der sich dabei aber schnell legt (wobei das Buch für ältere Kinder durchaus auch empfehlenswert ist).

 

In klarer, einfacher und verständlicher Sprache gibt Signorile einen breiten Einblick in ungewöhnliche Lebensformen, in den Aufbau und die Biologie sehr exotischer und, zumindest in Teilen, gnadenlos hässlicher Tiere.

 

Nicht nur „Vampyrotheuthis infernalis“ aus der „Dämmerzone“ der Ozeane (zwischen 500 und 1000 Meter Tiefe) ist hier ein Vertreter einer abschreckenden Physis par excellence.

 

Auch wenn der „Vampirtintenfischähnliche“ nun wirklich kein Blut saugt, dem Aussehen nach geht man ihm besser aus dem Weg. Ein Wesen im Übrigen, dessen evolutionäre Linie unklar ist (und wohl bleiben wird). Ein Wesen mit ganz besonderen Anpassungen, die es für ein Leben im Aquarium z.B. völlig ungeeignet sein lassen.

 

Neben solch sehr exotischen, in der Breite eher unbekannten Lebewesen wendet sich Signorile natürlich auch verbreiteten und dennoch  nicht sonderlich beliebten oder ästhetisch schönen Gestalten aus dem Tierreich zu. Parasiten wie die Zecke finden so ihren Weg in das Buch. Interessant aber zu hören ist, dass Zecken nur drei „Mahlzeiten“ im Leben benötigen, von denen lediglich eine aus Säugetierblut bestehen muss.

 

Oder auch die „Beutelratte“, bei der Signorile unterhaltsam und dennoch sachlich fundiert darüber informiert, dass dieses Wesen keinerlei lebende Verwandte besitzt, sich dennoch bereits vor 130 bis 140 Millionen Jahren entwickelt hat.

 

„Die Evolution ist kein Festschmaus“ und macht es nötig, aber auch möglich, sich unter bestimmen Voraussetzungen an extreme Bedingungen im Lauf der Entwicklung anzupassen. Extreme Bedingungen, die andersartige, extreme Fähigkeiten benötigen.

 

Und so geht Signorile durch ihre Betrachtungsfelder hindurch und sorgt dabei in vielen Darlegungen und Beschreibungen für ein anregendes Erstaunen.

 

Wasser, Parasiten, Spinnen. Die „schönen und verdammten Säugetiere am Rande des Aussterbens“ bis hin zu ganz außergewöhnlichen evolutionären Anpassungen wie bei der „photosynthetischen Schnecke“ oder „Bärtieren“ (die Signorile „außerirdische Teddys“ nennt“ oder den „Grottenolm“, der eine erkennbare Ähnlichkeit mit „Gollum“ aus dem Herren der Ringe aufweist.

 

Mit besonderem Augenmerk, zum Ende des Buches hin, auf die „Giftmischer der Natur“, darunter gar ein „Giftvogel“.

 

Wobei Signorile es nicht versäumt, neben ihrer genauen Beschreibung des Wesens, der Evolution und der besonderen Lebensumstände, auch die (nicht nur ästhetische) Reaktion auf dieses Lebewesen mit in den Blick zu nehmen (der „Bambi-Effekt“, den diese Lebewesen weitgehend nicht auf sich vereinigen können). Eine Betrachtungsweise, welche dem Leser die allgemeine (und natürlich die eigene) Art der Wahrnehmung der Umwelt klar vor Augen führt  und zur Reflexion einlädt, dass eben nicht immer nur das subjektiv Schöne eine wichtige Funktion in sich trägt, die es zu respektieren gilt.

 

„Die Kriterien (für Sympathie oder Antipathie bestimmen Lebewesen gegenüber) sind dabei eher irrational“.

 

 

Ein interessanter, exotischer und sachgerechter Einblick an die „Ränder der Evolution“ und dabei eine große Hilfe beim Begreifen oft nicht alltäglicher Lebensformen.

 

M.Lehmann-Pape 2014