Herder 2014
Herder 2014

M. Rohe, H. Engin; M. Khorchide, Ö. Özsoy, H. Schmid (Hg.) – Handbuch Christentum und Islam in Deutschland

 

Notwendig und überfällig

 

Zweibändig, umfassend in der Thematik und dennoch überschaubar und damit lesbar (auch im Stil) in den einzelnen Unterkapiteln und grundlegenden Themenbereichen, so stellt sich dieses neu erschienene Handbuch Christentum und Islam in Deutschland auch auf den zweiten Blick hin dar.

 

In einer Zeit, in der immer noch vieles an Fantasien, Ahnungen, persönlichen Eindrücken und doch so einigen Vorurteilen die allgemeine Diskussion bestimmt, ist es überfällig an der Zeit gewesen, differenziert und sachlich auf die religiösen Hintergründe (und deren praktische Auswirkungen) des Zusammenlebens zwischen Islam und Christentum in Deutschland mit seinen Chancen, mit seinem alltäglichen Gelingen, aber auch mit seinen ebenso religiös begründeten Spannungen und Reibungen zu schauen.

 

„Wir leben in einer Stunde des Dialogs und überleben nur, wenn die wachsenden Konfrontationen durch eine Kultur der Verständigung überwunden werden“ (Eugen Bieser).

 

Dieser Satz bildet die Grundlage des „Dialoges aus christlichem Ursprung“, eine Haltung der Toleranz und des respektvollen Umgangs zwischen den Religionen als „Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben“ der Menschen.

 

Eine Haltung, die, wie so oft, nicht zuletzt der Frage der Bildung in Hinsicht eines „Wissens vom anderen“  entspringt. Dialogfähigkeit benötigt die Kenntnis der anderen Religion und Kultur, damit gegenseitiges Verstehen überhaupt ermöglicht wird.

 

Diese Kenntnis vermitteln die beiden Bände des Handbuches dann im Weiteren in sehr fundierter und breiter Form.

 

Wie stellt die religionssoziologische Wirklichkeit in Deutschland gegenwärtig dar? Wie wirkt sich die Trennung von Staat und Kirche auf die Religionsgemeinschaften aus (auch im Blick auf die Scharia, aber auch im Rahmen der Institutionalisierung des Islam in Bildung und Wissenschaft)?

 

Zwei grundlegende und intensiv diskutierte Fragen zu Beginn des Handbuches, bevor dann in sehr differenzierter, detaillierter und kenntnisreicher Weise die Stellung und Haltung von Christen und Muslimen in der säkularen Gesellschaft in ihren Parallelen und ihren Unterschieden behandelt wird.

 

Vom „Wertepluralismus“ aus muslimischer Perspektive über die Integrationsdebatte, von „Muslimen als (verantwortliche) Mitgestalter der Gesellschaft) hin zur religiösen Bildung im Spannungsverhältnis von Geborgenheit und Dogmatismus bis hin zum konkreten Familien- und Zusammenleben der Generationen aus christlicher und muslimischer Sicht, alle relevanten praktischen Themen und theoretischen Diskussionen finden in diesem Teil des Handbuches Erwähnung.

 

Und bildet die Grundlage (der Kenntnis) zum „Gespräch zwischen Christen und Muslimen“ (Voraussetzungen und Hemmnisse werden hier ebenso zur Sprache gebracht wie die theologischen Grundlagen aus Sicht beider Religionen).

 

Eine Betrachtung, die logisch einmündet in die Darlegung aktueller politischer und zivilgesellschaftlicher Initiativen.

 

Die Zäsur zwischen Band I. und II. (die nicht harsch im Raume steht, sondern fließend vorangeht) bildet der Wechsel aus der Sicht auf den aktuellen Status quo und seiner grundlegenden Herleitung auf den Übergang „in die Öffentlichkeit“ hin.

 

Ist die Religion reine Privatsache oder gesellschaftliche Gestaltungsmacht? Stellt sich dies in beiden Religionen anders dar oder sind nur die Mittel andere (Lobbyismus und/oder Abgrenzung)?

 

Im Gesamten bietet dieses Handbuch eine sehr fundierte, profunde Darstellung des Christentums und des Islam in Deutschland in seiner Entwicklung, seiner religiösen Fundierung, seiner dogmatischen Verschiedenheiten, vor allem aber der praktischen Bedeutung und der praktischen Umsetzung, die aus all dem folgt.

 

Wobei all diese Inhalte zielgerichtet im Buch auf ihre dialogfördernden Elemente hin ausgerichtet sind.

 

Die Schnittmengen zu zeigen, die gemeinsame öffentliche Verantwortung zu begründen und herauszuheben, die praktischen Unterschiede dabei nicht außer Acht zu lassen und dennoch die notwendigen gemeinsamen Grundlagen für einen echten Dialog in allen Bereichen zu benennen, für all dies findet der Leser im Handbuch sachlich vorgelegte Perspektiven eines „Dialoges in Verschiedenheit“. Eine Verschiedenheit, die in der persönlichen  und privaten Gestaltung ihren Raum findet, sich aber in der gemeinsamen öffentlichen Verantwortung anzunähern hat angesichts der zunehmend auftretenden Spannungen der Gegenwart.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte und zum Verstehen sehr hilfreiche Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014