Ullstein 2013
Ullstein 2013

Marc Lindemann – Kann Töten erlaubt sein?

 

Zentrale Fragen der gegenwärtigen Kriegsführung

 

Zum Krieg gehören Soldaten und zum Krieg gehört das Töten der „anderen Seite“. Seit jeher. Doch zunehmend, gerade auch bedingt durch die moderne Art der Kriegsführung und die öffentliche Diskussion spätestens seit dem Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan führt mehr und mehr zur Forderung nach einer Antwort auf die Gewaltfrage. Eine Antwort, die tragfähiger ist als das tumbe Eroberungsverhalten als Motiv für Kriege im Lauf der Geschichte.

 

Nicht umsonst stellt der ehemalige Nachrichtenoffizier Marc Lindemann gerade auch die Frage nach dem Einsatz von Drohen zur gezielten Tötung ausgewählter Feinde mit in den Mittelpunkt seiner Überlegungen.

 

Wann eigentlich ist Töten erlaubt? Wann ist es gar notwendig? Wer entscheidet wann und wo, wann eine „Gefahrenvermeidung“ vorliegt, die umgehend umgesetzt werden muss? Wer entscheidet über „Tod und Leben“? Grundlegende Fragen, auf die Lindemann als „einer von Innen“ Antworten sucht und anbietet.

 

Antworten angesichts auch einer sich stark wandelnden Form kriegerischer Handlungen. Waren in jüngster Vergangenheit der Irak oder auch Afghanistan Orte „klassischer Kriegsführung“ mit einem hohen Aufgebot an Truppen zum Zwecke der direkten Intervention im „feindlichen Gebiet“, ergibt sich durch die Drohnentechnologie und den gezielten Einsatz hoch mobiler Sondereinheiten in Lindemanns Augen für die nahe Zukunft ein ganz anders Bild. Eine fast anonymisierte Kriegsführung, die gezielt individuelle „Feinde“ ausschaltet, somit, wie Lindemann es nennt, den Krieg „Individualisiert“.

 

Eine Entwicklung, die Lindemann sehr differenziert im Übrigen im Buch diskutiert. Weder verteufelt er die modernen Formen der Kriegsführung, noch geht er an den sich stellenden Problematiken der Praxis und der Legitimation vorbei. Und verweist auf die Geschichte von Militärgerät im Sinne einer ständigen Entwicklung von gebannten „heimtückischen Waffen“ hin zu „unverzichtbaren Systemen“, wie er am Beispiel der Entwicklung von U-Booten plastisch schildert. Eine ähnliche Entwicklung prognostiziert er der Drohnentechnik (und die Wirklichkeit gibt ihm ja jetzt schon recht im Anblick der Selbstverständlichkeit des Einsatzes von Drohnen bis unlängst hin zum Vergleich mit einem „Videospiel“ durch Prinz Harry).

 

All diese Gedanken aber sind Symptome, denen Lindemann im Rahmens einer grundlegenden Frage nach der möglichen (oder eben fehlenden) Legitimation militärischer Interventionen mit dem Ziel der Tötung eines Feindes nachgeht. Fragen, die im Buch, und das ist durchaus angemessen, nicht eindeutig beantwortet werden können. Zu komplex ist die Lage, zu sehr muss im Einzelfall abgewogen werden, Auch unter der Gefahr eines Irrtums oder eines Schadens zu Lasten unbeteiligter Dritter.

 

Dass aber hier eine öffentliche und politische Diskussion geführt werden muss, dass auch auf Grund der im Buch geschilderten Sachlage der Entscheidungskette und der technischen Möglichkeiten moderner Kriegsführung eine Legitimation geschaffen werden muss. Und zwar demnächst und auf einer breiten Basis der Öffentlichkeit, das steht außer Frage und das legt Lindemann eindrucksvoll als „offene Frage“ mit seinem Buch vor. Eine „offene Frage“, die viel zu tun hat mit der Haltung, die das jeweilige Argument zur „Gefahrenvermeidung“ einnehmen wird.

 

Und bietet genügend sachlich-nüchternen Hintergrund, um Pro- und Contra Argumente zu unterfüttern.

 

Alles in allem eine sachgerechte Darstellung einerseits der modernen militärischen Technik und eine klare Aufforderung, sich der Frage des Krieges und der damit einhergehenden Tötung von „Feinden“ in ihrer aktuelle individualisierten Form zu stellen. Und Antworten zu finden.

 

M.Lehmann-Pape 2013