Theiss 2014
Theiss 2014

Margaret A. Farley – Verdammter Sex

 

Fundierte Thesen

 

„Was im sexuellen Bereich des menschlichen Lebens geschieht, ist nicht unabhängig davon, was in anderen Bereichen geschieht“.

 

Als Faustformel könnte man somit formulieren: je toleranter eine Gesellschaft in Fragen der Sexualität sich darstellt, desto freier können sich Menschen allgemein entfalten. Gesellschaftliche Freiheit und individuelle sexuelle Entfaltung gehen Hand in Hand.

 

Weil Sex nicht an oberster Stelle steht, sondern in Verbindung zu sehen ist mit „der Macht“, mit der Haltung zur Sexualität an sich und dann erst Fragen des „praktischen Vollzuges“ auftauchen.

 

So ist es allein schon erhellend und interessant, was Farley über Geschichte der Sexualethik zu vermitteln hat.

 

Wie in ihrer Ideologie durchaus anders geprägte Gesellschaften (Griechen der Antike philosophisch, Rom eher pragmatisch, Europa dann religiös christlich, der Orient religiös jüdisch und islamisch geprägt) doch zu ähnlichen (rigiden) Haltungen gelangen.

 

Ob im einzelnen das „Chaos der Leidenschaften“ und die „Sicherung des Nachwuchses“ aus philosophischer Setzung der Ratio als „Kontrolle der Leidenschaften“ greift oder die strikte Reglementierung durch Androhung von Höllenfeuer stattfindet oder durch physische Strafen wie in manchen Gesellschaften des Islams auch heutiger Tage, ist dabei eigentlich nur theoretisch von Interesse, die praktischen Auswirkungen ähneln sich doch sehr. Und die Motive ebenfalls. Die der Sicherung der Macht und der gesellschaftlichen Stabilität, welche „Mächtige“ durch „unkontrollierbares Verhalten der Leidenschaft“ gefährdet sehen.

 

Dass allein schon bei dieser Untersuchung des historischen Befundes und der klaren Sprache, in der Farley ihre Ableitungen ins Buch setzt, eine katholische Kirche (mit den auch im Buch herauszulesenden Elementen der Macht, der autoritären Zügelung, der Ablehnung künstlicher Geburtenkontrolle, des Zölibats als höherwertigen Umgangs mit der Sexualität, Sex nur im Rahmen einer „legitimen Partnerschaft“ und auf keinen Fall außerhalb dieser noch gar in gleichgeschlechtlicher Form etc.) irritiert und kritisch auf eine ihrer Mitarbeiterin (Professorin für Sozialethik und katholische Ordensschwester) schaut, das ist dann nur allzu verständlich.

 

Dass die Ablehnung, fast Flucht, rigider Religionen vor der Leidenschaft, der ungezügelten Lust, egal wie wohlfeil dies rational-theologisch argumentiert werden mag, keine gute Voraussetzung für eine konstruktive Haltung zum Thema ist, das wird ebenso (natürlich nicht nur durch dieses Buch) überzeugend deutlich.

 

Denn auf „Lehrbelange“ nimmt Farley auf ihrem Weg zu einer aktuellen Form der Sexualethik nicht a priori Rücksicht.

 

Allerdings stellt sie sich auch nicht einfach nur provokativ außerhalb religiöser, speziell katholischen Normen, sondern bietet durch ihre sehr fundierte, sehr saubere Argumentation der Trennung von „menschlichem „Macht-Überbau“ von dem, was psychologisch, biologisch und soziologisch zu wissen sein könnte über den Sex und die Sexualität Ansatzpunkte für eine offene Diskussion auch innerhalb der katholischen Sexual-Lehre und für diese (was ebenso für andere Normgebende Gruppen und Religionen gilt).

 

Vom Wissen über den Menschen und seine Sexualität lernen und diese dann integrieren in die religiösen Parameter, das wäre ein Weg, der Frucht bringen könnte und für den Farley klar argumentiert.

 

Strikt im Blick behält die Autorin ja auch die andere Seite. Die destruktiven Kräfte und Folgen völlig ungezügelter Sexualität, die durchaus zu Recht seit Menschengedenken Gesellschaften und Einzelne immer wieder ins Nachdenken über eine „gute Sexualität“ als Bereicherung, nicht als gewalttätige Zerstörung menschlichen Lebens setzen wollten.

 

Eine „gerechte Sexualität“ entfaltet Farley in ihrem Buch, Schritt für Schritt in sieben Normen, überzeugend argumentiert und mit Fakten unterfüttert.

 

In welcher aber eben nicht die „Handlungen“ ständig reglementiert und unter Strafe eingeschränkt werden. Auch Polygamie kann Sinn machen, auch homosexuelle Formen der Sexualität sind konstruktiver Ausdruck menschlichen Seins (unter entsprechend konstruktiven Haltungen).

Haltungen, die partnerschaftlich vor allem „verhandelt“ werden und nicht von außen als gesetzt zu gelten haben (oder nur ins ehr geringem Umfang zum Schutz vor nicht einvernehmlichen Übergriffen).

 

Als „verbindlich“ und „beziehungsorientiert“ setzt Farley den Sex am Ende ihrer intensiven ethischen Betrachtungen. Nicht gedacht als „von oben dirigiert“,  sondern eruiert aus dem, was der aktuelle Stand der interdisziplinären Forschung aktuell setzt.

 

 

Farley legt beileibe kein einfach verfasstes Buch mit Provokationen vor und auch kein Werk, „um sich einmal Luft zu machen“. In komplexer Sprache und ethisch-philosophisch im wissenschaftlichem Diskurs verfasst, bedarf das Werk einer sehr konzentrierten Erarbeitung und einer Offenheit für die „Offenheit der Sexualität“ einerseits, aber auch für die „Grenzen des völlig Freien“ auf der anderen Seite. Bietet dann aber fundierte und klare Thesen und Argumente, die sehr überzeugend den Diskurs befördern könnten. Wenn man aus Gewohnheit und / oder Angst nicht sofort die Flucht ergreift.

 

M.Lehmann-Pape 2014