Ullstein 2013
Ullstein 2013

Markus Gabriel – Warum es die Welt nicht gibt

 

Erstaunliches von Deutschlands jüngstem Professor für Philosophie

 

„Worin befinden wir uns?“, das ist die Ausgangs- und Grundfrage, die Markus Gabriel in seinem erfrischenden und dennoch sehr fundierten und tiefgreifenden Buch stellt.

Oder, frei nach Douglas Adams: „Das Leben, das Universum und der ganze Rest“, was ist das eigentlich, alles zusammen betrachtet? Eher „Nichts“, zusammen betrachtet, um es vorweg zu sagen. Denn „die Welt“ gibt es nicht. Was Gabriel nicht nur „irgendwie“ behauptet, sondern luzide nachzuweisen versteht. Mit erstaunlichen Erkenntnissen und Etappen auf dem Weg des „neuen Realismus“.

 

Denn trotz diese lockeren Einsteigs und der ausgeprägten Fähigkeit Gabriels, sehr verständlich und flüssig sich auszudrücken, von Beginn an sei gesagt, dass hier kein philosophisches Leichtgewicht ein paar anregende Lebensweisheiten von sich gibt, sondern das Buch durchaus einer gründlichen Reflektion und der Bereitschaft, sich konzentriert mit den Gedanken Gabriela auseinander zu setzen bedarf.

Denn schon der „ganz einfache“ Anfang mit dem „ganz einfachen Grundsatz“, „dass es die Welt nicht gibt“ zeigt auf, dass hier Abstraktionsvermögen gefragt sein wird, mithin die völlig selbstverständlichen Grundlagen des alltäglichen Denkens und Handelns gründlich durchgeschüttelt werden. Vor allem, da dieser Grundsatz, „dass es die Welt nicht gibt“ mit einschließt, „dass es alles andere gibt“. Und zwar subjektiv und objektiv. Aber mit Unterschieden zwischen beiden.

 

Es gibt also „alles“ aber eines nicht, nämlich „die Welt“. Soweit so klar?

 

Mitnichten. Aber bald. Denn in der Entfaltung eines „neuen Realismus“ geht Gabriel sehr nachvollziehbar und bestens argumentiert die erkenntnistheoretischen Wege der letzen Jahrzehnte nach und führt den Leser immer wieder an die Wände, in die Sackgasen und in die gedankliche Unmöglichkeit dessen, was der  einzelne Mensch „Die Welt“ nennt.

 

Das aber wäre nicht unbedingt neu, die vielleicht Behauptung einer reinen Subjektivität. Interessant aber wird, wie Gabriel Wahrnehmung und wahrzunehmendes oder wahrgenommenes Objekt gleichsetzt und beides untrennbar ist, die „objektive Realität“ als „wahrgenommene Wirklichkeit“ und die Wahrnehmung dieser Wirklichkeit an sich.

Wobei immer noch deutlich mitschwingt, dass dies eben alles auch vom Standpunkt des jeweiligen Betrachters hochgradig beeinflusst wird, dass es nicht „die eine Welt“ gibt, auf die sich alle, zumindest theoretisch, als „über allem stehende objektive Wirklichkeit“ berufen würden, sondern es gibt eine nicht zu beziffernde Menge an „kleinen Welten“.

 

Rasant geht Gabriel auf diesem, seinem Weg dabei Teile der Philosophie- und Religionsgeschichte ab, erläutert ebenso die nicht entscheidende Qualität der „Elementarteilchen“, wie er Konstruktivismus, Naturalismus und Monismus soweit es geht verständlich in ihren Problematiken aufzeigt. Da ist das Beispiel vom grünen Apfel mit der Wespe und dem Delphin durchaus hilfreich, um zu zeigen, dass rein subjektiv konstruktivistischer Ansatz nicht funktioniert. Wie überhaupt Gabriel ebenso ein Talent dafür besitzt, Sachverhalte und abstrakte Gedankengebäude immer wieder an verständlichen Beispielen vor Augen zu führen.

 

„Sinnfeldontologie“ ist dabei die praktische Seite der Lösung, die Gabriel im Sinn hat. Alles das, was der Mensch erkennt, erscheint in „Sinnfeldern“. Erkenntnisfelder, in denen der Mensch „sehr viele Tatsachen“ genauso erkennt, wie sie sind. Bis eben auf das „große Ganze, die Welt“. Aber alles andere, worauf der Mensch blickt, ist sowohl in der Art real, wie er schaut, als auch real in dem, worauf er schaut. Wenn auch mit je verschiedenen Interpretationen (Dieses Kapitel im Buch, „Das Buch der Welt“ ist ans ich eine gute Darstellung der Grundgedanken Gabriels).

 

Ein hoch interessantes Buch, mit Wissen, Sprit und Witz anschaulich geschrieben und dennoch weit von dem entfernt, was man „populärwissenschaftlich“ nennen könnte. Und eine echte Herausforderung an den Leser, die sich auf jeder Seite lohnt.

 

M.Lehmann-Pape 2013