DVA 2013
DVA 2013

Martin Zimmermann – Gewalt

 

Die Antike – Auch eine Zeit massiver literarischer Übertreibungen

 

Literaten waren die Autoren der Antike, nicht Historiker.

 

Auf diese wichtige Unterscheidung gründet Martin Zimmermann als eine der wichtigsten Grundsetzungen viele seiner Thesen und Betrachtungen der „Gewalt in der Antike“. Denn, so Zimmermann, sei es Nero oder Caligula, sei es Gilgamesch oder die persischen Könige, seien die Helden von Troja oder die Götter der Griechen, immer steckt in den Überlieferungen auch ein gehöriges Stück „pädagogischer“ oder „literarischer“ Übertreibung in der Darstellung der Gewalt.

Um wichtige Erfahrungen eindrucksvoller zu gestalten, um das eigene Werk zu propagieren, viele Gründe findet und führt Zimmermann an.

 

Mit durchaus kritischer Distanz also wendet sich Zimmermann der Quellenlage zu und sieht diese nicht als feste und unverrückbare Darstellung von Tatsachen, sondern erörtert einzelne Überlieferungen immer auch differenziert im Kontext ihrer literarischen Entstehung. Darstellungen der Antike sind immer auch gestaltete „Erzählungen“ mit Eigeninteressen der Autoren oder mit wichtigen grundlegenden Aussagen der Legenden und Mythen versehen.

 

Beileibe nun aber ist es nicht so, dass all diese antiken „Gewalttäter“, Helden, Herrscher, Göttergestalten, Legionäre, römische Caesaren sanfte Lämmer gewesen wären.

 

„Das Leben in der Antike war hart“. Zimperlich oder zurückhaltend wurde nicht agiert, Folter und Kampf standen durchaus an der Tagesordnung. Aber eben nicht immer und zu jeder Zeit (Zimmermann spricht von den friedlichen Jahrhunderten Roms) und nicht immer in der dargebotenen brachialen Weise (was bei der ein oder anderen Überlieferung auch gar nicht gegangen wäre, wie Zimmermanns detaillierte Betrachtung eines vermeintlichen „Röstens der Feinde im Kampf“ aufzeigt).

 

Breit und vielfältig nun geht Zimmermann seiner Grundfrage nach, ob die Antike „ein (reines) Zeitalter der Gewalt“ gewesen sein und kommt zu dem Schluss, das dem nicht so gewesen ist. Das einerseits „Übertreibungen“ vorherrschen, andererseits aus dem Selbstverständnis der jeweiligen Zeiten heraus Gewalt einen ganz anderen (positiv besetzten) Stellenwert hatte als heute. Herrschaftszeichen, Sicherung des Herrschaftsanspruches, eher in diese Richtung ist nach Zimmermann die Gewalt in der Antike vielfach zu verstehen.

 

Da aber Zimmermann selbst mannigfaltige Beispiele, auch in illustrierender Bildform, zugleich mit anführt, ist dieses Ergebnis für den Leser doch zumindest zwiespältig. Denn alleine bereits die Darstellungen gewalttätiger Handlungen auf manchen Illustrationen im Buch zeigen eine Form und eine fast „Lust“ an der Gewalt auf, die der These Zimmermanns deutlich zu widersprechen scheinen.

 

Und dass der Mensch von Natur aus nicht unbedingt ein gewalttätiges Wesen sein, dem steht zu allen Zeiten die „Entfesselung“ von Gewalt fast diametral gegenüber. Das Quälen anderer scheint nicht nur ausgewiesenen Sadisten in enthemmten Situationen nahezuliegen, wie das dritte Reich, der Umgang Roms mit Kriegsgefangenen und viele andere Beispiele der Geschichte zeigen.

 

Um nicht missverstanden zu werden, Zimmermann führt all diese Dinge ebenfalls auf und  beschönigt an vielen Stellen nichts

„... dass Gewalt im Alltag der antiken Zeitgenossen sehr gegenwärtig war“.

Den Schrecken erkennen, ja. Aber eben nicht mit den Worten beschreiben, welche die antiken Autoren benutzt haben. Das ist eines der Ergebnisse Zimmermanns und daher ist die Antike in seinen Augen keine sonderlich grausame Epoche.

 

Sehr detailliert und in die Tiefe gehend, sehr kleinteilig an manchen Stellen bietet Zimmermann einen durchaus hochinteressanten und teils „für gute Nerven“ dargelegten Lesestoff, bei dem der Leser ihm in seinen Schlüssen dann aber nicht unbedingt zu folgen vermag.

Da erscheint das Zitat von Susan Sontag, welches Zimmermann im Buch nutzt, den Kern des Themas eher zu treffen:

„Die Grausamkeit des Menschen zu leugnen oder auszublenden ....  ist unreif“.

 

M.Lehmann-Pape 2013