Carl-Auer 2014
Carl-Auer 2014

Matthias Eckoldt – Kann das Gehirn das Gehirn verstehen

 

Erkenntnisse und Grenzen der Neurowissenschaft

 

„Nein“, wäre, nach der Lektüre der hochinteressanten, aber beileibe nicht immer einfach zu verstehenden Dialoge, die Eckoldt mit namhaften Vertretern der Neurowissenschaft im Buch führt, wohl am ehesten die Antwort auf den Titel des Buches.

 

Soweit man unter „Verstehen“ einen bewussten Vorgang des „Bewusstseins“ versteht. Denn gerade was dieses „Bewusstsein“ angeht, da geraten die Erkenntnisse, die klaren Aussagen, die Überzeugungen von den je eigenen Forschungen doch im Rahmen der im Buch niedergelegten Gespräche, erkennbar an ihre Grenzen.

 

Wie sollte das auch nachgewiesen werden im praktischen Versuch? Und wie könnte eine solche Frage nach dem „bewussten Verstehen“ überhaupt auch nur Ansatzweise eine gemeinsame und belastbare Antwort erfahren, wenn schon die Definition des Begriffes wenig greifbar und, bei den verschiedenen Gesprächspartnern, auch sehr verschieden gefüllt im Raum steht?

 

Dass diese leichte Verwirrung so offen zu Tage tritt, dass in den Gesprächen teils der „Boden verlassen“ wird, das ist vor allem der intensiven, nicht nachlassenden und sich nicht mit zunächst ungefüllten Begriffen abspeisen lassenden Haltung Ekoldts zu verdanken.

 

In aller Ruhe hakt der Philosoph nach, stellt sich hier und  da einfach mal „ganz dumm“, fragt konkret und gezielt nach und so treten im Lauf der Lektüre der Gespräche zwei Erkenntnisse dem Leser klar vor Augen: Zum einen ist „die Sache mit dem Gehirn“ im ganzen nicht wirklich fassbar, darstellbar, nachweisbar, weder mit EEG noch mit „Landkarten des Gehirns“ noch in klarer Abgrenzung zu anderen Lebewesen. Zum anderen aber ist in vielen Einzelheiten, in umrissenen Fragen, in empirischen Versuchen viel passiert an Erkenntnis seit dem „Manifest der Hirnforschung“, welches vor einem Jahrzehnt von deutschen Neurowissenschaftlern formuliert wurde.

 

Dieses Manifest ist zugleich auch der „Aufhänger“ des Buches. Denn was für Fortschritte wurden gemacht? Hat es einen Erkenntnisgewinn seitdem gegeben und wenn ja, welchen? Leitfragen, mit denen Eckoldt in die einzelnen Gespräch hineingeht.

 

Wobei viele Themen gestreift werden, die durchaus interessante Informationen enthalten. Gerade im vereinfachten Blick auf das Gehirn als „Chemiebaukasten“ finden sich im Buch eindeutige Absagen, gar Warnungen vor Psychopharmaka, deren Folgen weitgehend noch gar nicht absehbar sind und die eben nicht „einfach so“ gezielt wirken. Das Gehirn ist kein „Baukasten“, das Gehirn ist eine „Struktur“, welche man einfach chemisch steuern könnte.

 

Oder auch den durchaus nicht von der Hand zu weisenden „materiellen Ansatz“, den Frank Rösler im Buch andeutet. Dass für jede Handlung, aber auch für jeden Gedanken „materielle Prozesse“ im Hintergrund stehen, als „Produkt eines biologischen Systems“. Auch wenn dieses nicht einfach oder klar zu verorten ist. Wenn „Denken“ nicht gemessen werden kann, ist ein Nachweis dieses materiellen Verständnisses mentaler Prozesse schwierig.

 

„Was ist Bewusstsein“?

„Das ist eine weitere der nicht gelösten harten Fragen, die wir haben“.

 

Eine souveräne Gesprächsführung, die nicht locker lässt, die Antworten der Gesprächspartner durchaus erhält, die die aktuellen Forschungsgänge nachvollzieht, aber auch die Grenzen gerade bei den „harten Fragen“ des aktuellen Standes der Diskussion offen legt.

 

 

Insgesamt ein sehr interessantes und lehrreiches Buch, gerade weil einfache Antworten nicht möglich sind und das Gehirn des Lesers in Bewegung gerät innerhalb der vielfältigen Ansätze und Erkenntnisse der Gesprächspartner Eckoldts.

 

M.Lehmann-Pape 2014