Ullstein 2014
Ullstein 2014

Meinhard Miegel – Hybris

 

Profunde und ernstzunehmende Wachstumskritik

 

Damals in Babylon hielten die Menschen sich für Gott, wollten dies zeigen, fingen an, den „Turm der Türme“ zu bauen…… und jeder weiß, wie die Legende sich weiter entsponnen hat. Als „Ur-erfahrene“ menschliche Allgemeinerfahrung,  wo jede grandiose Überheblichkeit zwanghaft hinsteuert, wo die „Maßlosigkeit“ zum „Verlust“ folgerichtig führt.

 

Meinhard Miegel legt sachlich, nüchtern, argumentativ überzeugend, selten polemisch und durchweg hoch lesenswert den Finger auf genau jene Wunde.

 

Auf die „modernen Türme von Babel“, symbolisiert durch einen Flughafen, der nicht funktioniert, eine Philharmonie, deren Kosten alle Grenzen sprengen, Dutzende, vom Leser in Hundertschaften weiterzudenkende Beispiele, die aber immer nur äußerer Ausdruck dessen sind, was der Mensch in seiner Überheblichkeit (aber auch nur) meint, zu sein.

 

Mit einem vielleicht klein wirkenden, aber mit weitreichenden Folgen versehenen anderem Ende zur alten Erzählung.

 

Hat die Legende des Turmbaus zu Babel eindringlich vor Augen halten wollen, dass Überheblichkeit zum Sturz und daher eine gewisse Demut dem Menschen gut zu Gesichte steht, weist Miegel mit Wucht nach, wie in der Gegenwart genau jene Eigenschaften, vor denen solche Erfahrungsschätze der Menschheit warnen, „en vogue“ sind.

 

Erfolgsfaktoren, die es zu Kultivieren gilt in der Moderne.

 

Ohne „mehr Schein als Sein“, ohne eine durch keine Selbstzweifel bedrückte Form der „Eigenverehrung“ (und Eigenwerbung) sind Karrieren, Reichtümer, scheinbar kaum zu erreichen.

 

Ohne Sinn und Verstand, ohne Maß und Weitsicht wird gelebt. Vor allem konsumiert. Die Wirtschaft geschmiert. Von Oben, unten, rechts und links. Das goldene Kalb wird umtanzt.

„Höher, weiter, schneller“ ist das alleinige Gesetz der Zeit.

 

Interessanterweise aber in einem „Lebensrausch“, der weder Glück noch Zufriedenheit befördert, noch nicht einmal wirklich sicher fühlt sich ein hoher Teil der Menschheit, trotz vielfach doch wesentlich gesicherterer Verhältnisse als noch vor hundert Jahren.

 

„Bestens unterhalten somit in innerer Leere die Tage abhetzend“, das könnte ein Bild des modernen Menschen sein, wie Miegel ihn vor Augen führt. Mit vielfachen praktischen Beispielen, mit teils spitzer Zunge und dennoch, wenn man ehrlich ist, sehr, sehr zutreffend in der Charakterisierung dieses modernen Lebens.

 

Wobei eine „entfesselte Technik“, die Miegel breit aufführt, letztendlich nur das äußere Spiegelbild des „entfesselten“ Menschen ist.

 

Die „Freiheit der Aufklärung“ hat ihr Werk übererfüllt. Die „Freiheit von“ überwertig in den Raum gesetzt unter Lösung der Bindung an moralische und ethische Überzeugungen, die einer „Freiheit zu etwas“ (zumindest zu einer persönlichen Verantwortung) über lange Zeiten der Geschichte hin zumindest eine gewisse Rahmung gegeben haben.

 

Soweit die schonungslose Analyse des Buches.

 

Wobei Miegel beim „Aufdecken der Hybris“ nicht stehen bleibt, sondern dem Leser konstruktive Gedanken durchaus mit auf den Weg gibt. Gedanken, die in dieser Form nicht einzigartig sind, sondern breiter um sich greifen in einem „Weniger ist Mehr Denken“. In einem „Zurückfahren“ all dessen, was den Menschen nicht glücklicher, die Welt in der Breite aber deutlich ärmer macht (nicht nur innerlich).

 

Ein verantwortlicher und gemäßigter Hedonismus ist für Miegel der Schüssel zu dem, was Menschen im Eigentlichen zu einem zufriedenen und, auch mit sich selbst, befriedeten Leben führen kann.

 

Was eine Abkehr von ständiger Optimierung, Effizienz, von einem durchgehenden „in Zahlen fassen“ des Lebens natürlich bedeutet. Wobei Miegel  bei all dem nicht doktrinär seine Gedanken mitteilt, sondern eher schlicht seine Überzeugung darlegt.

 

Ein fertiges Programm allerdings kann der Leser ehrlicherweise nicht erwarten.

 

Anstöße liefert Miegel, Assoziationen, was „gut“ gehen könnte, aber keine Dogmen oder Anweisungen nun in eine „verzichtende“ Richtung statt einer „vermehrenden“ Haltung. Das eigene Denken und die Überlegung für eigene Wege zu echtem Wohlbefinden mit Augenmaß und Verantwortung für das „große Ganze“ nimmt Miegel dem Leser nicht ab.

 

 

Ein intensives und wichtiges Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2014