J.B.Metzler 2018
J.B.Metzler 2018

Michael G. Festl (Hg.) – Handbuch Pragmatismus

 

Umfassende Darstellung mit interdisziplinärem Ausblick

 

Was bedeuten die Erkenntnisse von George Darwin über die Evolution für die Philosophie, das Denken des Menschen über sich selbst und, letztlich, für die möglicherweise durch die Forschungsergebnisse zu ändernde Haltung dem eigenen Leben und dem Leben an sich gegenüber?

 

Diskussion und Reflexionen, aus denen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts der „Pragmatismus“ als philosophischer Ansatz heraus entfaltet wurde.

 

Ein „Start“ und eine seitdem fast unübersehbar verästelnde Richtung des Denkens, welche die Autoren im Buch in großer Breite aufnehmen und überaus fundiert und mit nachvollziehbarer Argumentation in den einzelnen Teilen des Handbuches diesen nachgehen.

 

Wobei einerseits die „Stärkung der Rolle des Zufalls“ in der Natur als erste Grundgedanken ebenso formuliert wurden, wie die griffige These „Evolution statt Revolution“, die Entfaltung und Entwicklung in kleinen, untereinander sich bedingenden Schritten.

 

Bis in die Gegenwart hinein gilt dabei, was in den folgenden der Entwicklung des Begriffes (trotz aller Unterschiedlichkeiten und der tragenden Erkenntnis innerhalb der verschiedenen Richtrungen des Pragmatismus, „Die Dinge lassen sich nicht ein für alle Mal (eindeutig) klären) sich heraus kristallisiert.

 

Dass der (moderne) Mensch einen Stand erreicht hat, auf dem die Menschheit sich nicht mehr nur der Umwelt anpassen muss (pragmatisch), sondern diese Umfeld verändern und nach seinen Ideen in Teilen gestalten kann.

 

Damit bietet sich die Chance, aber auch die Verantwortung (die in den letzten Jahrzehnten zu oft und zu klar höchstes die „zweite Geige“ spielen durfte), die Umwelt so „einzurichten“, dass sie „gelingendem menschlichen Leben zuträglicher wird“. Nicht umsonst ging wohl das wachsende Bewusstsein um die Rolle des Menschen in der Evolution und für diese Welt damit einher, dass ab der Mitte des 20. Jahrhunderts der Pragmatismus im Rahmen des „Neopragmatismus“ eine intensive Renaissance erfuhr.

 

In einem Dreischritt legt das Handbuch im Gesamten seine breite, fundierte und sorgsam abgewogene Darstellung des Pragmatismus vor. Im Blick auf die Geschichte, Gegenwart und die Zukunft des Pragmatismus wird einhergehend die primäre Rolle John Deweys dabei geschärft, die einzelnen Entfaltungen des Pragmatismus (auch in den kontroversen Ansätzen der verschiedenen Schulen) Schritt für Schritt offengelegt (samt der damit verbundenen Begegnung mit den „klassischen Denkern“ des Pragmatismus (Peirce, Dewey, James, Mead u.a.).

 

Diese werden übersichtlich in die entsprechenden theoretischen Ansätze gefasst (mit „seitlichen Blicken“ auf Anthropologie, Pädagogik, Soziologie, symbolischem Interaktionismus und der Psychologie), bis am Ende des Handbuches die Bedeutung für die aktuellen Themen und die der nahen Zukunft herausgearbeitet wird im Rahmen der Gerechtigkeitstheorie, der Technologie und des „zweiten Maschinenzeitalters“, aber auch der Neuroscience bis hin zum „Mensch-Tier-Vergleich“.

 

Zwischen diesen Hauptteilen des Handbuches ist die Rezeptionsgeschichte des Pragmatismus eingefügt. Denn gerade an den Auseinandersetzungen zu anderen philosophischen Schulen und Wissenschaftsbereichen zeichnen die die Abgrenzungen und scharfen Gegensätze deutlich ab, die wiederum den Bereich des Pragmatismus deutlich erkennbar machen.

 

Gerade im Verständnis der Technologie zeigt sich unter anderem im Werk dabei, wie „korrigierend“ der Pragmatismus einem blinden Fortschrittsglauben gegenübersteht.

 

Die Technologie verhält sich eben, „pragmatisch betrachtet“, nicht wie ein „neutrales Instrument“, sondern wird immer eingeordnet in den subjektiven Bedeutungszusammenhang und die vorfindliche Ideologie der „Nutzer der Technologie“.

 

Technologie ist eben nicht abgrenzbar von menschlichen Zielen, sondern diesen eng verbunden. Wobei zudem der Begriff „Technologie“ zu differenzieren ist, denn eine einfache „Krücke“ hat eine völlig andere Bedeutung und einen anderen Stellenwert, als eine „Industrie 4.0“ oder die rasante digitale Veränderung, hinter der ethische und / oder philosophisch pragmatische Fragen überwiegend deutlich nachrangig behandelt werden. Werde diese „blinde“ Haltung noch eine ebenso ideologisch eingefärbte, ebenso „blinde“ Verteufelung einer Technologie wäre im Sinne des Pragmatismus erstrebenswert.

 

Eine Haltung, die in allen Bereichen und Denkrichtungen des Pragmatismus (wie auch im Werk) als grundlegende Herangehensweise explizit vorliegt.

 

 

Das offene, freie und unideologische Hinterfragen aller „selbstverständlicher Objekte“ und „Selbstverständlichkeiten“ ist dabei die Grundherangehensweise des Pragmatismus. Was im Handbuch in bester Weise ausschöpfend vor Augen geführt wird.

 

M.Lehmann-Pape 2018