Ullstein 2013
Ullstein 2013

Michael J. Sandel – Gerechtigkeit

 

Über die Tauglichkeit moralischer Normen

 

Was sind Kriterien für ein gerechtes Handeln und, so es sie gibt, woher entnimmt eine Gesellschaft solche Kriterien?

 

Das sind die Leitfragen, denen sich Sandel auf den knapp 400 Seiten seines Buches annimmt. Der in Harvard lehrende politische Philosoph geht bei seinen Betrachtungen, zum Glück, allerdings nicht nur in den weiten Raum der abstrakten Philosophie, sondern versteht es, die Problematik der Frage der Gerechtigkeit an vielfachen handfesten und praktischen Beispielen zu „erden“ und eröffnet damit dem Leser eine durchgehende Reflektion über das (fast) alltägliche Leben. An manchen Grenzfragen kann Sandel daher gut lesbar und nachvollziehbar argumentiert auf jene „Grundquellen“ zugehen, aus denen Ethik und Moral, die Entscheidung, was „gut und gerecht“ ist und was eben nicht, entspringen.

 

Schon der Einstieg führt umgehend in medias res. Die Preistreiberei bei Katastrophen, wie sich schon ganz einfache, kleine Geschäftsleute durch Wucherpreise gerade an Katastrophen bereichern, statt uneigennützig Hilfe zu geben (was doch deutlich moralisch „besser“ wäre, dem Empfinden nach“.

 

Ein Thema, dem Sandel im spätern Verlauf des Buches im Kapitel „Märkte und  Moral“ hoch interessant und vertiefend nachgehen wird, wenn er fragt, ob die „Märkte fair sind“ (eher nein) oder ob es Güter geben soll (oder muss), die für Geld „nicht zu kaufen sind“ (eher ja). Eine Frage, die (und so arbeitet Sandel im Buch durchgehend) an zwei extremen Fragen abgearbeitet wird.  Wie ist es, Menschen für Kriege zu bezahlen und wie ist es, Menschen für das Austragen von Kindern zu bezahlen? Was wären „gerechte Löhne“ und wie wäre der Markt hier „fair“ zu nennen?

 

Sehr objektiv und kühl durchdacht stellt Sandel (nicht nur in diesem Kapitel“ die einzelnen Aspekte der beiden „Handlungen“ zur Diskussion, geht über die Begriff Fair und Frei hinzu den Gegenargumenten. Und öffnet den Weg u den beiden Grundfragen (die sich ebenfalls durch das Buch ziehen). „Wie frei sind unsere Entscheidungen“ und „Gibt es höhere Werte, die für Geld nicht zu kaufen sind“.

 

So ergibt sich im Lauf der Lektüre die Frage der Loyalität zur Gemeinschaft und zum Gemeinwohl als eine der entscheidenden Grundlagen für ein „gerechtes und gutes“ oder eben ein „rein individuelles und auf den Vorteil bedachtes“ Handeln. Eine Unterscheidung die Sandel zwar mit vielfachen Beispielen umschreibt, argumentativ aber letztlich nicht zwingend belegen kann. Eher baut Sandel einen geschlossenen Raum der Argumente um drei von ihm gesetzte „Ideale“. Nimmt man Loyalität, Freiheit und die Tugend allerdings als nicht hinterfragbar gesetzt an, dann öffnet Sandel sehr wohl einen Raum für moralische und/oder gerechte Entscheidungen. Es benötigt aber die zumindest persönliche Klarheit darüber, dass diese drei Ideale Grundlage für Entscheidungen sein sollen. Hier spürt man dem Autor ab, dass er in und von einer Gesellschaft westlicher Tradition geprägt ist (und für diese schreibt). Denn seine „Ideale“ würden an anderen Orten (China, Arabien u.a.) in ganz anderer Weise gefüllt werden, als Sandel dies impliziert, durchaus aber sich auf ihn in der Form der „Idealfüllung“ auf ihn berufen können.

 

In sich durchaus logisch und geschlossen argumentiert, verbleiben dennoch Fragen an das System, das Sandel erbaut. Ausgehend vom Eingang des Buches her (die Frage der Bereicherung am Elend anderer) ist es eben nicht zwangsläufig gesetzt, dass das Gemeinwohl und die Loyalität zur Gemeinschaft grundlegend verankert sind (und warum auch genau?).

 

 

Das „gute Leben“, dass Sandel durch ein „sich Bewegen“ im Raum der Loyalität zur „Lebensgemeinschaft“ mit all ihren Traditionen sieht, in der Freiheit des Einzelnen, die bewahrt und geschützt werden muss und im Streben nach Tugend (wieder auch auf die Gemeinschaft bezogen) ist in seinen Inhalten interessant zu lesen und stößt vielfache Reflektionen an, auch wenn eine letztgültige Legitimation der drei „Ideale“ nicht „objektiv“ hergestellt werden kann, sondern aus Einsicht und Überzeugung (auch durch dieses Buch) wachsen müssen. Durchaus lesenswert mit einigen Axiomen, die kritisch zu hinterfragen wären.

 

M.Lehmann-Pape 2013