J.B.Metzler 2016
J.B.Metzler 2016

Michael Quante, David P. Schweikard (Hg.) – Marx Handbuch

 

Hervorragender Gesamtüberblick

 

Ohne weiteres kann man leger formulieren, dass „Marx aus der Versenkung“ schon längst wiederaufgetaucht ist. Nicht dass „Totgesagte“ tatsächlich immer länger leben würden, sondern die Zeichen der Zeit lassen seine Analysen und Thesen, Ideen und Erkenntnisse mehr und mehr wieder aktuell werden. Einer, bei dem Name und Werk, Leben und „Ideologie“ zu Unrecht über einen großen Zeitraum nur synonym gedacht wurden und der mit dem weitgehenden Auseinanderbrechen des „Kommunismus“ als Staatsideologie obsolet geworden zu sein schien.

 

Doch sein „Gegenentwurf“, zumindest seine quasi-prophetischen Analysen den Kapitalismus, das Wirtschaften, die anthropologischen und ökonomischen „Regeln“ des Menschen und seine Kritik an der Vorliebe gewisser Kreise für „deregulierte Märkte“ (auch wenn Marx anderes Vokabular wählte) spielen in den letzten Jahren eine immer stärker werdende Rolle in der Analyse zumindest des ökonomischen Zustandes der Welte. Und jeder einigermaßen Informierte kann sehen, dass die Schlagworte (Akkumulation des Kapitals) des Karl Marx eine perfekte Zustandsbeschreibung der modernen Entwicklung sind, aktuelle weiter zementiert und fortgeschrieben werden und dann auch weiterhin es gilt, sich mit den Folgen zu beschäftigen, die Marx in der ihm eigenen, schweren Sprache so plakativ vor Augen führen kann.

 

Ein guter Zeitpunkt somit, mit genügend Abstand zu den eher verzerrenden „realen Umsetzungen“ (Marx selbst hielt sich im Übrigen in keiner Form für einen „Marxisten“, in der Form, wie er es damals bereits vor Augen sah und wie es dann diktatorisch umgesetzt wurde) einerseits und den mit eigenen Augen zu sehenden Belegen für die Richtigkeit vieler seiner Analysen und Thesen im Blick auf die Finanzwirtschaft der Gegenwart, um  einen breiten Überblick über Biographie, Werk und Rezeption desselben vorzulegen.

 

Ein Ansinnen, dass in der gedachten Breite vom Handbuch erfüllt wird und dem Leser damit die Möglichkeit gibt, anders als in reinen Biographien oder wissenschaftlichen Betrachtungen von einzelnen Thesen und Argumenten, eine Grundlage für ein umfassendes Verständnis von Mann und Werk zu legen. Gerade weil das Handbuch weitgehend darauf verzichtet, zu glätten und zu harmonisieren und keine einheitliche Interpretationslinie erzwingt, sondern die einzelnen Autoren je mit ihren Schwerpunkten im Buch verschiedene Herangehensweisen und Betrachtungen vorlegen. Die sich nicht grundlegend widersprechen, sondern je verschiedene Aspekte der Betrachtung in den Vordergrund stellen, so dass nach der Lektüre ein differenziertes Bild beim Leser verbleibt, dass zur eigenen Weiterarbeit (mithilfe der vielfachen Literaturverweise im Buch) einlädt.

 

Vorausgesetzt wird dabei, dass zum einen das Schaffen Karl Marx als „primär philosophisches Werk“ verstanden wird (und nicht als „politische Anleitung“) und zum zweiten die Betrachtung des Werkes als „solitär“ Marx Werk. Die Einflüsse des (in Teilen) Mitautoren Friedrich Engels sind gerade aufgrund ihrer anderen geistesgeschichtlichen Beeinflussung gesondert zu sehen.

 

Anders, als der Untertitel suggeriert, wird allerdings im Handbuch der dezidiert biographische Bereich nur knapp und komprimiert auf etwa 20 Seiten dargestellt. Was im weiteren Verlauf der Darstellungen sich allerdings dadurch erweitert, dass Person und Werk samt der geistesgeschichtlichen Prägung beider immer wieder ineinanderfließen und damit die prägenden Elemente für Marx und die durch Marx geprägten Elemente und Erkenntnisse ein ineinandergreifendes Gesamtbild ergeben.

 

Sorgfältig unterteilt legen die Herausgeber in der Ordnung der vielfachen Beiträge im Buch getrennt die philosophischen Schriften, das „Programm der Kritik der politischen Ökonomie“ und die rein politischen Schriften in drei Teilen im zweiten Hauptteil des Werkes vor. Hier entsteht ein klares Gesamtbild des Denkens Marx, dass im dritten Hauptteil intensiviert dem Verstehen zugeführt wird, indem Grundbegriffe und Konzeptionen aus Marx Schriften in ihren philosophiegeschichtlichen Bezügen und dem teils eigenwilligen Verständnis der Begriffe durch Marx selbst aufgeschlüsselt werden.

 

Wobei im Abschluss der letzte Hauptteil die Brücke zur Gegenwart überzeugend schlägt, indem die Rezeption des Werkes in fast „allseitiger“ Hinsicht philosophisch (Bloch, Trotzki, Existentialismus u.v.m.) und „umfassend“ (Ökonomie, Soziologie, Psychologie, Geschichtswissenschaft, Rechtswissenschaft u.v.m.) dezidiert und doch in der Form kurz und prägnant zu Worte kommen.

 

Bis hin zu der Erkenntnis der Vielschichtigkeit des Werkes und der Rezeption selbst, denn in gleicher Weise und mit gleichem Recht kann die Perspektive zu Marx als „Geschichtstheoretiker“ oder „Entfremdungstheoretiker“ oder „Kritiker der politischen Ökonomie“ gleichermaßen getrennt oder ineinander betrachte werden.

 

 

Eine sorgfältige, umfassende und überaus informative Darstellung von Person, Werk, Prägung und Wirkung, die für den Leser des Werkes in allen Bereichen eine lesenswerte Lektüre darstellt und den wissenschaftlichen Diskurs seinem aktuellen Stand nach bestens abbildet und weiterführt.

 

M.Lehmann-Pape 2018