J.B.Metzler 2017
J.B.Metzler 2017

Michael Walter – Oper

 

Opulent

 

“Der Zweck der Institution Oper ist es, Opern als Bühnenereignisse zu produzieren“.

 

Und das ist auch der einzige Zweck dieser Institution einer „Theatralischen (nicht musikalischen) Gattung“.

 

Um ihren Zweck zu erfüllen, benötigt die Oper daher organisatorische Strukturen, die nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort die gleichen sind. Somit behandelt das Buch auch die historischen Wurzeln und die konkreten Ausprägungen dieser Institution auf den verschiedenen Erdteilen und an den verschiedenen Orten.

 

Wobei neben der Bühne auch das „Öffentliche“ der Oper bedeutsam ist. „Ohne Publikum gibt es keine Oper“, denn Oper ist auch Kommunikation, welche den „wesentlichen Reiz“ der Oper ausmacht.

 

Und noch weiter geht der analytische Blick. Dass im Zentrum der Institutionsgeschichte Oper letztendlich nicht die Komponisten stehen, sondern Sängerinnen und Sänger je „Träger“ der Oper sind.

 

Somit bilden sich bereits bei diesen ersten, sachlichen und distanzierten, wissenschaftlichen Blicken auf die Institution drei große Themenbereiche heraus, die Michael Walter im Werk im Einzelnen breit und ausführlich behandelt.

 

Die Organisationsform der Oper als Voraussetzung des Bühnenereignisses, die Sänger als „institutionelle Träger“ und die Zuschauer als Rezipienten, aber auch Beteiligte am Ereignis Oper. Was mit einer eher schnöde klingenden, aber doch auch zentralen Klammer verbunden wird, das Geld.

 

Die Frage der Finanzierung der Opernhäuser, die Frage des „sich leisten können“ von Sängern und Sängerinnen und die Frage der Eintrittspreise sind, und das kann man ja an entsprechenden Orten im öffentlichen Leben immer wieder erleben, sensible und zentrale Fragen, an denen sich auch der Stellenwert der Oper in der Gesellschaft, der Stellenwert von Kulturangelegenheiten ganz allgemein ablesen lassen. Gut, das Wagner dies ebenfalls in seine Betrachtungen mit aufnimmt und damit das Thema historisch und aktuell in die gesellschaftlichen Strömungen verzahnt und zudem ein gutes stückweit auch erdet.

 

Unbenommen aber bleibt (und deutlich betont im Werk), dass die Oper bis etwa kurz nach Ende des ersten Weltkrieges die wichtigste europäische Theatergattung war.

 

Für die Walter dann zunächst „Sichtweisen“ sammelt, exemplarisch auf die Zuschauer, die öffentliche Verwaltung und die Sänger/in bezogen. Woraufhin ein sehr interessanter und intensiver Exkurs zu den Rahmenbedingungen der Oper in der Zeit ihres Siegeszuges steht. International von Beginn an ausgerichtet lag für eine Aufführung eine rege Reisetätigkeit der Beteiligten, ein damit verbundenes „Geldwechselsystem“ und konkrete Reisebedingungen vor, die durchaus Einfluss auf eine Besetzung und deren „Atmosphäre“ mit sich brachten.

 

Was Walter durch die Jahrhunderte hindurch anschaulich schildert und mit der Institution und Aufführungen verknüpft. Die an verschiedenen Organisationsformen stattfanden. Von „Unternehmensopern“ mit festen Häusern über mobile Opern oder ausgewiesene Stadttheater in Deutschland und Frankreich bis hin zu „Hof- und Staatsoper“, die Walter mit Blick auf die Pariser Oper und die Deutsche Hofoper behandelt.

 

Rechtsformen und Rechtssysteme ergänzen diesen formal-institutionellen Blick, bis dann die Sänger (mit einem deutlichen, vielleicht zu sehr ausgewalzten Schwerpunkt auf die Gagen und Versorgungen durch die Jahrhunderte) inklusive die Sonderform der Kastraten und die der Agenten überleiten zu den Autoren (Komponist, Libretto, Dirigent, Urheberrecht) und, am Ende, aus der Sicht des Publikums (mit der Frage der Eliten, der Logenhierarchie, Dresscode und anderen Gesichtspunkten) die „lebenden Träger der Institution“ ausführlich in den Blick genommen werden.

 

Alles in allem bietet Michael Walter einen sehr umfassenden Blick, der die Frage des Geldes zumindest räumlich im Buch durchaus gewichtig mitbehandelt, auf die Institution Oper und deren Entwicklung an die „Spitze der Kultur“ mitsamt einigen Tendenzen des Niedergangs in jüngster Vergangenheit (Kommerz und Niedergang der Oper).

 

 

Am Ende ist der Leser umfassend informiert. Über die Institution, nicht unbedingt vorrangig über konkrete Komponisten und konkrete Werke, hierzu tauchen Verweise eher am Rande der Lektüre mit auf.

 

M.Lehmann-Pape 2017