Oekom 2017
Oekom 2017

Miriam Schad – Über Luxus und Verzicht

 

Nachhaltiges und umweltgerechtes Handeln in prekären Lebenslagen

 

Natürlich ist es für einigermaßen Gutverdienende kein Problem, sich neuen Tendenzen und Bewegungen anzuschließen.

 

Nachhaltige Lebensmittel aus Bio-Anbau, Kleidung, die nicht in Indien für Billiglohn hergestellt wird, einen finanziellen Ausgleich zu leisten zur eigenen CO2 Bilanz (kann man selbst bei Fernbussen als Sonderzahlung leisten). Wie diese Einkommensklasse weltweit natürlich auch andere, neueste Trends mitgestaltet und mitgeht, von technischen Gimmicks bis zu hohen und höchsten Mieten und Wohnungen und Häusern auf dem aktuellsten Stand der Bautechnik.

 

Doch die ökologische Belastung des Planeten, die Frage der Nachhaltigkeit des eigenen Lebens wird weltweit betrachtet, auch in den Industrienationen, im Gros nicht von den Besserverdienenden entschieden werden. Auch wenn der eigene „Fußabdruck“ desto schwerer wiegt, desto mehr Luxus man in das eigene Leben einbringt, ist es doch die „Masse Mensch“ (was nicht despektierlich sondern rein beschreibend gemeint ist), deren Verhalten die großen Linien und möglichen Verwerfungen von Klima, Ressourcenausbeutung und ebenso die hohe Anzahl vielfacher Billigprodukte (mit deren wenig nachhaltigen Herstellungsmethoden) auf den Weg gebracht und auf diesem weiterhin hält.

 

Da ist es ein sehr interessanter Ansatz, dass sich Miriam Schad in ihrer empirisch unterlegten Untersuchung genau jenen Teilen der Bevölkerung zuwendet, die sich „nachhaltigen Konsum“ in der Regel kaum leisten kann und der offenen Frage im Buch nachgeht, wie ein verantwortlicher ökologischer Lebensstil sich (rein finanziell und darüber hinaus) mit prekären Lebenslagen „verträgt“.

 

Kann das gelingen, wenn man jeden Tag zumindest teilweise unter dem Druck steht, das Leben in seinen Grundbedürfnissen zu befriedigen, einen wissenschaftlich geforderten „neuen Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“?

 

Wenn ebenso gilt: „Mit 390 € Hartz kommt man nicht weit im Bio-Markt“ (Kraftclub Songtext).

 

In hoch wissenschaftlicher Form, und damit im Stil eher als „überaus trocken“ zu bezeichnen, bietet das Werk keine einfache Lektüre und dennoch eine wichtige Standortbestimmung für eine der wesentlichsten Fragen der Gegenwart.

 

Hierzu legt die Autorin zunächst in Breite und Tiefe das theoretische Fundament durch Begriffsklärungen und aktuelle konzeptionelle Überlegungen und bieten im Gesamten vor allem eine verständliche Sortierung und Einordnung der „Nachhaltigkeits-Frage“ in Bezug auf den Zielbereich des „Umwelthandelns in Prekarisierung“. Was dann untergliedert wird in die wesentlichen Lebensbereiche (und Ansatzpunkte nachhaltigen Handelns), Mobilität, Wohnen und Ernährung.

 

Der zweite Teil des Werkes bietet sodann eine Beschreibung und Auswertung der empirischen Untersuchung mit der Analyse am Ende von „fünf umweltrelevanten Typen in prekären Lebenslagen“.

 

Diese strukturierte Unterscheidung und Beschreibung der „fünf Typen“ ist einer der Haupterträge der Lektüre und bietet für die weitere wissenschaftliche, soziale und politische Diskussion ein tragfähiges Gerüst.

 

„Offensive Bescheidenheit“, „Mehr, wenn ich könnte“, „Festhalten am Standard“ (um fast jeden Preis), „Teilanschluss am angestrebten Standard“ (als Ziel) und „Erzwungener Verzicht“ zeigen klar auf, dass ein offensives Handeln auf allen Ebene notwendig ist.

 

In der sozialen Frage, mit der die Frage nach der Bildung eng zusammenhängt (die dann auch persönliche Veränderungsdynamiken durch Einsicht freisetzen könnte), ein Wissen um die enge Verwobenheit von ökologischer und ökonomischer Frage gerade im Blick auf die Prekarisierung nicht geringer Teile der Bevölkerungen. Ebenso, wie (vor allem beim Typus der „offensiven Bescheidenheit“) ja durchaus auch in prekären Lebensverhältnissen die Nachhaltigkeit „nicht zu kurz kommt“.

 

Insgesamt eine gut strukturierte, sachlich und fundiert vorgetragene Untersuchung, die für die notwendige Nachhaltigkeit klare Adressen benennt und das Problem der Ökologie in den gesamtgesellschaftlichen Rahmen konstruktiv eingliedert.

 

 

Mit der klaren Erkenntnis, dass es noch einiges braucht, damit nachhaltiges Leben und Wirtschaften nicht „Luxus“ bleibt und auch nicht als „Zwangsverzicht“ sich innerlich nicht verankert.

 

M.Lehmann-Pape 2017