Heyne 2013
Heyne 2013

Nate Silver – Die Berechnung der Zukunft

 

Aus der Statistik in die Zukunft

 

Der Gedanke, dass alles, das Leben, die Ereignisse, der Ausgang von Wahlen, die Zukunft eben, durchweg berechenbar sein könnte, macht nicht zu unrecht vielen Menschen Angst. Wie ist das mit der freien Entscheidung dann noch? Wie ist das mit den Unwägbarkeiten des Lebens? Schon mit Sorge wird das teilweise algorithmengesteuerte Handeln an den Börsen ja betrachtet.

 

Wie aber, das ist die andere Seite der Medaille, ist es wiederum mit einer Berechenbarkeit von wichtigen Dingen, wenn die Informationsdichte und –breite kaum mehr zu fassen ist, wichtige Ereignisse für die Welt (allein schon die Börsenkurse und die Entwicklung an den Finanzmärkten) sich als völlig unberechenbar darstellen?

 

Nicht nur interessante, sondern auch wichtige Fragen. Denn einerseits bemühen sich Fachleute weltweit (teils auch mit dubiosen Mitteln wie die Geheimdienste) um eine möglichst breite Sammlung von Fakten, um daraus Prognosen für die Zukunft ableiten zu können und das eigene Handeln dementsprechend darauf abzustellen, andererseits überrollen Krisen, Anschläge, politische und wirtschaftliche Entwicklungen immer wieder scheinbar ganz unvorhergesehen die Welt.

 

Nate Silver gilt seit seinen fast absolut zutreffenden Prognosen für die Wahlen in Amerika als „der“ ausgewiesene Fachmann für eine statistisch grundgelegte „Schau in die Zukunft“ und legt nun auf gut 550 Seiten seinen „Blick auf die Welt der Prognosen“ vor.

 

Wobei er zunächst keinen Hehl daraus macht, dass die weitgehende Unzuverlässigkeit aktueller Prognosen gerade im Bereich der Wirtschaft kein Problem der Zahlen und vorliegenden Informationen oder der „Sache an sich“ darstellen, sondern die Unwägbarkeiten im „menschlichen Faktor“, im Herangehen der „Vorausseher“ zu finden ist.

 

Die Kernfrage, die Silver daraus ableitet, formuliert er als: „Wie können wir unser Urteilsvermögen auf Informationen anwenden, ohne unserer Voreingenommenheit....... zum Opfer zu fallen“? Und auch gilt, dass das Bedürfnis der Menschen, sich „an der Vergangenheit zu orientieren“, oft hinderlich dabei ist, die Erkenntnis zulassen, dass „di Zukunft anders sein könnte“

 

In diesen Feststellungen liegt der Kern seiner Arbeit begründet. Möglichst Unvoreingenommen sich den Fakten und Zahlen zuwenden und diese absolut ergebnisoffen betrachten und auswerten, dass führt zu belastbaren Prognosen in vielen Bereichen des Lebens, vom Sport über die Politik, die Wirtschaft bis an den Pokertisch. Wobei Silver nie behauptet, dass alles berechenbar oder vorhersehbar wäre. Aber Tendenzen, die kann man ablesen. Und sich dabei „Irren, aber weniger und weniger und weniger“.

 

Wobei in allem, was Silver beschreibt, der „menschliche Faktor“ zum Gelingen eine Prognose entscheidendes beizutragen hat. Digitale Daten, die durch digitale Programme sich selber auswerten, treffen seiner begründeten Argumentation nach nicht ins Schwarze.

 

Eine Mischung aus harten, belastbaren Fakten und Zahlen gemeinsam mit (klugen) Vermutungen ist es letztendlich, die Silver als beste Grundlage für gute Prognosen dem Leser nahe bringt. Seine Erfolge bei Prognosen deuten darauf hin, dass dies nicht die schlechteste Herangehensweise ist.

 

Ein, trotz der trocken wirkenden Materie, zudem gut und flüssig zu lesendes Buch, dass der mathematische Laie allerdings in vielen Bereichen einfach erst einmal so hinnehmen muss, wie Silver es beschreibt. Und ein Buch, dass die Unwägbarkeiten des persönlichen Lebens nicht beendet oder ausschließen wird (was durchaus beruhigt), aber auf eine sachliche Herangehensweise ohne emotionale Verquickungen da besteht, wo Fakten, Statistiken und Überlegungen den vermeintlichen Zufall stark einengen können.

 

M.Lehmann-Pape 2013