Metzler 2014
Metzler 2014

Niels Werber, Stefan Kaufmann, Lars Koch (Hg.) – Erster Weltkrieg

 

Fundierte Betrachtungen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive

 

Der erste Weltkrieg war nicht nur eine sich langsam anbahnende Katastrophe, sondern auch ein Ausdruck der Sicht der Zeit, der Atmosphäre der Menschen, der Perspektiven auf das „große Ganze“ Europas.

 

Nicht nur eine Verschiebung der Machtstrukturen in seinem Ergebnis, sondern auch ein nationales Trauma in Deutschland, ein Wissen „danach“ um die unbarmherzige, moderne „Maschinen-Kriegsführung“, ein Vertrauensverlust und ein Abbruch von Traditionen, sondern in all dem auch eine Änderung der Kultur, der Auflösung bis dato festgefügter Regeln und Grenzen. Die aber nicht „vom Himmel fielen“, sondern in der Entwicklung in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in Teilen zu verorten sind.

 

Mithin sind die kulturwissenschaftlichen Bedeutungen der Entwicklung zum ersten Weltkrieg hin, die Änderungen innerer Perspektiven und Gewissheiten in seinem Verlauf und die sich ganz anders (und schwelend) darstellende Welt danach mannigfaltig und mit vielen kulturellen Fäden versehen.

 

Als „zentrales Ereignis für den Erfahrungszusammenhang der deutschen Gesellschaft“ ist der Erste Weltkrieg daher ohne Frage ein wichtiges und wesentliches Untersuchungsobjekt der Kulturwissenschaften. Dem dieses Buch in großer Breite, sehr fundiert, in nachvollziehbarer Struktur und notwendiger Tiefe nachkommt.

 

Bis dahin, den ersten Weltkrieg auch als kollektive Katharsis zu betrachten und in seiner Bedeutung für die Literatur auszuwerten. Gerade in dieser Hinsicht waren die Jahre zuvor europäisch vom Gedanken der Einigung getragen (Zweig, Rolland) und erlebten nun einen massiven kulturellen Abbruch und damit eine starke Veränderung der literarischen Inhalte.

 

Auch, dass „nach dem Krieg vor dem Krieg“ bedeutete und dies zunächst und vor allem in Form eines „Ideenkrieges“ (nicht nur in Deutschland) sichtbar wurde, wird in diesem Handbuch thematisiert und unter der passenden Überschrift „Sinnstiftungen des Sinnlosen“ differenziert betrachtet.

 

Ein kulturell „unruhiges Zeitalter“, das im Krieg einmündete, das konkrete Medienformen erst durch das „Umfeld des Krieges“ entwickelte und stark entfaltete und geistesgeschichtliche Spuren durch das gesamte Jahrhundert hindurch hinterließ, all diese, teils auch kleinteilig verfolgte, Themen finden sich ausführlich in den einzelnen Teilen des Buches wieder.

 

So finden die verschiedenen Autoren klare und nachvollziehbare Antworten auf die spezielle Fragestellung dieses Handbuches, dem“ Ersten Weltkrieg im Blick auf den „kulturellen Ermöglichungszusammenhang““ nachzugehen.

 

Wie stellten sich die kommunikativen und symbolisch-kulturellen Rahmungen im Vorfeld und durch den Krieg hindurch dar? Welche Entwicklungen sind in dieser Hinsicht abzulesen? Welche Resonanz hallt in diesem Krieg nach von sozialen, ökonomischen und technologischen Entwicklungen zu Anfang des 20. Jahrhunderts und welche Resonanzen sind durch den Ersten Weltkrieg in seiner Folge stark geprägt worden? Neben den offenkundigen Veränderungen in den Systemen, Revolutionen und Reparationen?

 

So steht am Ende der vielen Perspektiven dieses Handbuches und der Vielfalt der Betrachtungen in den Hauptteilen „Das unruhige Zeitalter“, „Der Krieg“ und „Nachkrieg“ ein hoher Informationsgewinn für den Leser in Bezug auf die Bedeutung des Ersten Weltkrieges (in Kulturwissenschaft und Kulturtheorie im Buch untersuchte) für die kulturelle Dynamik in den ersten Jahrzehnten  des 20. Jahrhunderts im Raum, der die (teilweise auch anstrengende) Lektüre eindeutig lohnt.

 

Ein Ereignis, dass in seiner fast unmittelbar danach folgenden Deutung erstmalig in der Kulturgeschichte mit einem Begriff (Ur-Katastrophe) versehen wurde, welcher bis dato nur für Zerstörungsgewalten von Naturkatastrophen genutzt wurde. Wie also eine unvermeidliche, dem Zugriff des Menschen entzogene Katastrophe zog dieser Krieg seine Bahn, legte „den Samen“ für den zweiten Weltkrieg und hat nachhaltig das poltische und kulturelle Weltbild der Moderne verändert und geprägt. Was in diesem Handbuch vielfach mitklingt und je nach eigenen Schwerpunkten des Interesses hin nachzulesen ist.

 

 

Das Handbuch stellt einen wichtigen, in dieser kulturwissenschaftlich konzentrierten Form wichtige Sichtweisen und Untersuchungen vor, derer es Bedarf, um die Bedeutung des ersten Weltkriegs umfassend (neben den vielen historischen Einlassungen an anderen Orten) zu verstehen.

 

M.Lehmann-Pape 2014