Kösel 2011
Kösel 2011

Niklaus Brantschen, Pia Gyger – Via Integralis

 

Ein spiritueller Übungsweg

 

Der katholische Ordensmann und Zen Meister Niklaus Brantschen und die Psychologin und Zen Meisterin Pia Gyger haben sich gemeinsam aufgemacht, die Verbindung zwischen Zen und Christentum (spezieller eher der christlichen Mystik) zum einen in kurzen und prägnanten Erläuterungen in Ihren eigenständigen Herleitungen her aufzuzeigen, zum anderen dem Leser einen praktischen Übungsweg aus der Verbindung beider meditativer Traditionen mit auf den Weg zu geben, die „Via Integralis“.

 

Meditation und Kontemplation, Zen im Rahmen der Lasalle-Richtung und das Christentum im Rahmen der lectio divina verbinden sich im Denken und in der anschaulichen Darstellung der beiden Autoren zu einer verbundenen Möglichkeit, die den Menschen mittels Elementen von beiden Richtungen her in eine spirituelle Haltung führen kann.

 

Damit nehmen beide Autoren auf, was sie zu erkennen vermeinen, dass die christliche Wortverkündigung in einer „Welt der Wortfluten“ nicht mehr ausreichend die Zeichen der Zeit darzustellen vermögen. Dass es eine spirituelle, erkennbare Glaubenshaltung benötigt, um hinter den „großen Worten“ die spirituelle Wirklichkeit zu erleben und fassbar zu machen.

Wie könnten Menschen im modernen Alltag konkret erfahren, dass es eine Wirklichkeit gibt, die untereinander und miteinander verbindet? Indem sie in die innere Tiefe gehen vermittels Sitzen, wahrhaft den Mjut finden, einander (wirklich) begegnen und ihrem Atem folgen zu lernen. Sich der „Leere“ (Zen) und dem „Nichts“ (Mystik) zu nähern und aussetzen.

 

Ebenso aufgenommen wird die Übung des „Mantra“ aus dem Zen, Schlüsselworte oder kurze Sätze zu meditieren, den Geist damit zu befreien und in das „reine Verweilen vor Gott“ (Contemplatio)  zu gelangen. Eine Art „interreligiöse koan Sammlung“ führt zu Schlüsselworten, die in bestimmter, meditativer Haltung zur Wirkung gelangen.

 

Sowohl die für die Autoren wichtigen Traditionen beider Religionen als auch die „via integralis“ selbst werden anschaulich und nachvollziehbar im Buch dargestellt. Die Übungen selber ebenso klar erläutert, so dass der geneigte Leser umgehend selber damit beginnen kann, sich dieser speziellen Form spiritueller Übungen und Haltungen zu nähern. Ein reiner „Eigenlernweg“ ist allerdings weder im Sinne der Autoren noch im Rahmen der Spiritualität einfach so möglich.

 

Das Lernen des „Besinnens“ benötigt, wie im Zen bekannt und auch im Christentum nicht unüblich, Übung, Zeit und Hilfestellung durch einen entsprechend ausgebildeten „Meister“. Adressen und Kontaktmöglichkeit zu entsprechenden Instituten bietet das Buch im Kapitel „Die via integralis in Zahlen und Fakten“ in ausreichender Fülle hierzu an.

 

Zen und Kontemplation begegnen und nähern sich einander bereits seit den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Schwierig im Blick auf das Buche erscheint, bei aller Verbindung zwischen den spirituellen Haltungen, dass auf die wesentlichen Unterschiede der religiösen Systeme nicht näher eingegangen wird. Methodisch mag vieles eng beieinander liegen, die Zielvorstellungen zwischen Zen und Christentum sind allerdings stark different.

 

So verbleibt für den interessierten Leser eine verständliche und sachliche Darstellung einer konkreten Meditationspraxis, die Zen und christlich-mystische Elemente verbindet mitsamt einer Reihe von Kontaktmöglichkeiten, sich dieser Praxis durch die Übungen des Buches und entsprechende Seminare zu nähern. In Bezug auf die plakativen Aussagen des „Mystik ist im Kommen“ und der weitestgehend kritiklosen Verbindung beider „Gebets-Systeme“ bleiben Fragen deutlich offen.

 

M.Lehmann-Pape 2011