Wagenbach 2016
Wagenbach 2016

Nilüfer Göle – Europäischer Islam

 

Differenzierte und ruhige Darstellung

 

Die Fronten eskalieren, politische Parteien und einzelne Politiker nehmen auf, was an sichtbarer und faktischer Gefährdung durch den Islamismus der Welt droht. Und zudem stellt sich die Frage nicht nur konkret, wie einer Terrorgruppierung begegnet werden kann, sondern über den Islamismus dieser Prägung hinaus geht es ans Grundsätzliche.

„Der Islam“ steht im Brennpunkt.

 

Die Frage nach verschiedenen Lebensweisen miteinander, die Frage nach geforderter Abgrenzung der „liberalen“ Anhänger des Islam gegenüber den Extremisten, die Frage auch, ob eine scharfe Trennung im Sinne gegenseitiger „Abkapselungen“ nicht aus westlicher Sicht die notwendige Konsequenz wäre, die, je nach politischer Coleur, durch Verhandlungen oder die „harte Hand“ durchgesetzt werden sollte.

 

Auf der anderen Seite leben seit Jahrzehnten Millionen Moslems im „europäischen Westen“. Teils durch Flucht angelangt, teils als Gastarbeiter angeworben, teils mit noch laufenden oder bereits bewilligten Asylanträgen, teils bereits in zweiter und dritter Genration. Ein Islam, der nun mehr und mehr verstärkt auch öffentlich sichtbar wird, nicht nur durch den Bau der ein oder anderen Moschee.

 

Ein Prozess, den Göle über vier Jahre hinweg auf seine konkreten, alltäglichen Folgen hin in Europa untersucht hat, indem Sie eine „Feldforschung unter europäischen Muslimen“ durchführt.

 

Und in der sie als ihren Befund der Analyse feststellt, dass dieser „lange Weg“ des Islam im Westen Europas „von der Collage zum Gewebe“ geführt hat und weiterführen kann, ja muss, wenn das „gemeinsame Werk“ eines „Miteinander-Lebens“ gelingen soll. Zumindest in weiten Teilen der muslimischen Bürger Europas.

 

Wobei es zunächst eher keinen Konflikt um die beobachtbaren Fakten geben dürfte.

 

„Die Muslime mit ihrer religiösen und ethnischen Vielfalt sind nun untrennbar mit dem Leben vieler Stadtviertel verbunden“. Eine „alltägliche Präsenz“ die auf der anderen Seite zur Verunsicherung führt im „Kollektivbewusstsein der europäischen Länder“ die in ihren Werten tatsächlich anders geprägt sind.

 

So formuliert Göle das Problem der Zeit sehr treffend:

 

„Die religiösen Bürger mit Migrationshintergrund und die alteingesessenen antireligiösen Bürger teilen sich denselben öffentlichen Raum, haben aber nicht das Gefühl, zum gleichen „Zeit-Raum“ zu gehören“.

 

Wie sehen das nun die Menschen, die Muslime aus Ihrer Sicht her konkret? Wie stellt sich die alltägliche Situation dar? Wie ist der Umgang mit Verschleierung, Scharia, der Alleinstellungsanspruch des Islam? Diese Fragen untersucht Göle in ihrer klassischen Feldforschung mit vielen Interviews und Auswertungen von Zahlenmaterial. Mit dem Ziel, Bedingungen formulieren zu können, eine „Öffentlichkeit herzustellen“, Wege, in denen „Raum und Zeit geteilt wurde“.

 

Wobei der Anknüpfungspunkt für diesen möglichen Übergang von der „Collage“ zum „Gewebe“ der Interaktion als dringend notwendiges Fundament bedarf, wie Göle ausführt.

 

Interaktion mit dem „gewöhnlichem Muslim“, der im Buch als Synonym für einen gesellschaftlich engagierten, gläubigen Menschen steht, „der seinen islamischen Habitus aktiv lebt, ohne dass dies einen islamistischen Miltantismus zur Folge hätte“. Und das genau ist, wie Göle herausarbeitet, die überwältigende Mehrheit der Muslime in Europa. Die sich, wie Europa selbst, am Übergang befinden zu seinem lauter und öffentlich sichtbarer werdenden religiösen Selbstverständnis und zugleich weiterhin den liberalen Strukturen Europas eher neutral bis wertschätzend gegenüberstehen.

 

Wobei Göle am Ende deutlich betont, dass es (nicht nur, aber sehr) eines muslimischen „kreativen“ Beitrages bedarf (für den sie die Kunst als „Spielwiese“ zunächst benennt).

Was als „Lösung“ doch eher auch kritisch hinterfragt werden muss, ob solche konkreten Vorschläge nicht zu kurz oder an der falschen Stelle greifen. Wenn sie greifen.

 

Egal aber, wie man zu den Folgerungen Göles und ihren Vorschlägen für die nahe Zukunft stehen mag, das Buch enthält eine wichtige, differenzierte und sozialwissenschaftliche Betrachtung des „alltäglichen“ muslimischen Lebens- und Selbstverständnisses in Europa, der sich in jüngster Zeit entfaltenden, starken „Reibungen der Werte“ und möglicher Ansatzpunkte für eine konstruktive Annäherung zweier „fremder Welten“, die im gleichen „Zeit-Raum“ gemeinsam die Gegenwart gestalten könnten. Nicht mit allen und nicht in allen Ausprägungen, aber die Teilmenge gemeinsamer Interessen der Mehrheiten auf allen Seiten scheint doch in nicht geringem Maße vorhanden zu sein.

 

 

Informativ und als Feldforschung akkurat gearbeitet.

 

M.Lehmann-Pape 2016