J.B.Metzler 2016
J.B.Metzler 2016

Norbert Mecklenburg – Der Prophet der Deutschen

 

Zur Rezeption Luthers bis in die Gegenwart hinein

 

Nicht begeistert zeigt sich Norbert Mecklenburg bei seiner Sichtung der literarischen “Nachwirkungen“ Martin Luthers durch die Jahrhunderte hinweg.

 

Zu sehr vom konkreten Bild Luthers des jeweiligen Autors geprägt, zu sehr auf Wirkung hinausgerichtet, zu sehr in eine je konkrete Interpretation von Mann und Werk hinein bilden die literarischen „Nachschwingungen“ eher ein Bild von Kraftlosigkeit und dem Versuch, Martin Luther in einen bestimmten Rahmen zu drängen, als das der Germanist hohen Gewinn in der literarischen Nachwirkung des Reformators finden könnte.

 

Sei es wie bei Hans Sachs, der mit seiner „Wittenbergischen Nachtigall“ konkret und detailliert auf Luther eingehen wollte, sondern dessen Anliegen es war, die reformatorische Lehre „unters Volk zu bringen“, der sich für Luther nicht als „Person“, sondern als „führenden Sprecher der Reformation“ interessierte (und dementsprechend seine literarischen Absichten ausrichtete). Auch wenn Mecklenburg die literarische Qualität zu würdigen weiß, Luther selbst kommt zu kurz.

 

Oder sei es bei Thomas Mann, bei dem Mecklenburg überzeugend argumentiert aufarbeitet, Luther beständig auf dessen „Deutschsein“ und „Dämonie“ ein stückweit auch zu reduzieren.

 

Immer somit schwingt in der literarischen Be- und Verarbeitung der Person Martin Luthers die eigene Ideologie, die eigene Betrachtungsweise, das eigene Verständnis und die eigenen Ziele des jeweiligen Autors erkennbar und maßgeblich mit.

 

Was sicher nicht unbedingt verwundert, da die Wirkung des Gedankengebäudes Luthers eine immense war und somit bestimmte Haltungen geradezu provoziert hat, was andererseits aber eben jenes von Mecklenburg dargestellte Bild festigt, dass der eigentlichen Person Luthers in ihrer individuellen Ausprägung kaum wirklich nahegekommen wurde.

 

Murner, Sachs, Mann, das 19. Jahrhundert, eine Erstarrung für lange Zeit im Mythos, ein nationaler Lutherkult, die „Luther-Entzauberung“ von Osborne bis Hochhuth, sorgfältig sichtet und bewertet Mecklenburg die literarische Verarbeitung Martin Luthers und vollzieht dies in großer Breite und je sehr differenzierter Darstellung.

 

Fünf Jahrhunderte an Lutherbildern in Gedichten, Erzählwerken, Dramen und anderen Schriften, die vielfache Interpretationen und auch Ausrichtungen der jeweiligen Zeit widerspiegeln, sich aber als historische Reflexionen der Person Luthers nicht wirklich eignen, sondern in ihrem Eigenleben je zu betrachten sind.

 

Es „ergibt sich eine große Diskrepanz von Quantität und Qualität“, es erweisen sich in den Augen Mecklenburgs nur wenige Werke als „künstlerisch und geistig belangvoll“, wie Mecklenburg Schritt für Schritt immer mit dem Blick auf die wesentlichen Details aufweist.

 

Nur was Kleist „Michael Kolhaas“, ein Gedicht Meyers, das nie geschrieben, geplante Drama von Mann („Luthers Hochzeit“), ein Theaterstück von Dietrich Forte und Stefan Heyms Roman „Ahasver“ angeht sieht Mecklenburg überhaupt nur Werke von Belang und intensiver, reflektierender Annäherung, die literarisch passend verarbeitet wurde (bzw. wäre, was Thomas Mann angeht). Auch das begründet Mecklenburg im Werk überzeugend und mit Hinweisen auf zentrale Setzungen dieser literarischen Werke.

 

So verbleibt das Ergebnis der Untersuchung in zwei Thesen.

 

Zum einen eignet sich das „poetische Medium als solches“ nur schlecht zu einer Auseinandersetzung mit einem Phänomen wie Luther.

Und zum anderen stellt eben dieses Phänomen Luther keine wirkliche geistige Herausforderung für die neure und die gegenwärtige Literatur dar. Was bedeutet, dass Luther „seine Zeit“ hatte und die Welt in der Art vorangeschritten ist, dass die geistigen Impulse Luthers für die Gegenwart keine wirkliche weiterführende Bedeutung mehr haben.

 

 

Eine interessante, nicht leicht zu lesende, akribische Lektüre mit gewichtigen Ergebnissen.

 

M.Lehmann-Pape 2017