S.Fischer 2017
S.Fischer 2017

Pankaj Mishra – Das Zeitalter des Zorns

 

Die richtige Richtung

 

Das Pankaj Mishra indischer Abstammung ist, merkt man im Buch durchaus an der ein oder andern Stelle.  Wenn bei der Betrachtung des „kältesten aller kalten Ungeheuer“ (des nationalistischen Staates“ Indien kurz erläutert wird, auch an anderen Stellen. Gut, dass Mishra es nicht versäumt, dann immer in einen allgemeinen Blick zu gehen, um seine flüssig und verständlich vorgetragenen Einschätzungen zu illustrieren, denn für den deutschen Leser dürften die Einlassungen über Indien eher Befremden hervorrufen, zu verschieden sind die gesellschaftlichen Ausgangslagen.

 

Im Kern zumindest geht es Mishra als „Symptom“ um den „Ausbruch individueller und kollektiver Meutereien“, weltweit, in dessen Zuge sich die Wahrscheinlichkeit „der beiden Wege, auf denen die Menschheit sich selbst vernichten könnte – ein Bürgerkrieg globalen Ausmaßes oder die Zerstörung der natürlichen Umwelt – sich rapide aneinander annähern.

 

Das „Zeitalter des Zorns“ ist somit ein eher irrationales im Denken, geprägt von Ressentiments und Kleinmütigkeit. Ein „Klima“, das Mishra von der Person und dem Gedankengebäude Rousseaus bis in die Gegenwart als eine rote Entwicklungslinie herleitet.

 

Dass hier der Person des französischen Philosophen eine, wenn nicht die, zentrale Rolle eingeräumt wird, muss man als Leser nicht unbedingt teilen und eine weitergehende Differenzierung der Ausklärung, ihrer Motive und Folgen, wäre wünschenswert gewesen, statt nur in eher Stichworten jene Entwicklungen zu betrachten, die der eigenen These letztlich dienen.

 

Anderseits, und das ist die Stärke dieses Buches und deshalb sollte es als Teil des modernen Puzzles von Nationalismus, Vorbehalten gegenüber „Fremden“ und zunehmender bewaffneter Konflikte, gelesen und wahrgenommen werden.

 

Denn Mishra gelingt es, durchaus tiefer zu graben, als nur moderne Plattitüden eines neuen „Konservatismus“ oberflächlich zu diskutieren.

 

„Das Schüren von Hass gegen Immigranten, Minderheiten und diverse als „Anders“ definierte Menschen hat Eingang in diesen Mainstream gefunden“.

 

Warum?

 

„Ich vertrete hier die These, dass die beispiellose politische, ökonomische und soziale Unordnung, die den Aufstieg der industriekapitalistischen Gesellschaft…..begleitete, heute weitaus größere Regionen und Bevölkerungen befallen hat…..diese universelle Krise reicht sehr viel weiter als die Probleme des Terrorismus und der Gewalt“.

 

So versteht Mishra, zu Recht, das, was passiert als „Symptome“ dessen, was an individueller und gesellschaftlicher Erosion durch ein Abnehmen des „Sozialen Klebstoffes“ in Folge eines immer ungezügelteren Profitstrebens im Kapitalismus vonstattengeht. Und das nicht erst in den letzten Jahren, sondern bereits, als Saat, in der Aufklärung vor allem von Rousseau gesehen und formuliert.

 

Das mag in den späteren Ausführungen und Herleitungen und vor allem in der beständigen Betonung der Sicht der „Abgehängten“ teils auch leichtgewichtig oder zu pauschal gesetzt wirken, immerhin aber lenkt Mishra den Blick mit zahlrechen Beispielen und Begründungen auf den eigentlichen Kern der Krise. Der als „soziale Schere“ global festzustellen ist und auch in der Mitte der modernen westlichen Gesellschaften anlangt. Nicht nur durch Terrorismus, auch durch die Frage, wie der „durchschnittliche Berufstätige und damit durchschnittliche Lohnempfänger“ dauerhaft Leben und Miete aufbringen soll.

 

Wenn sich diese Frage nach der „Verteilung“ der Güter nicht löst, die Entwicklung der letzten Jahre der Akkumulation des Kapitals sich fortsetzt, dann folgen daraus fast zwingend die Suche nach „Ventilen“. Misstrauen gegen Fremde, Ressentiment, Vergewisserung der eigenen sozialen Gruppe durch Abgrenzung bis eben hin zum Risiko eines globalen Bürgerkrieges.

 

Im Stil sehr gut zu lesen fällt es dem Leser nicht schwer, Mishra zu folgen. Und trotz hier und da fehlender Differenzierungen und nicht immer ganz greifbarer Formulierungen ist es ein gelungenes Ansinnen, hinter die Fassaden nationalen Getöses, des Wutbürgers oder anderer einander ausschließender Entwicklungen tiefer zu Graben und die wohl eigentlichen Ursachen in den Blick zu nehmen.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017