C.H.Beck 2011
C.H.Beck 2011

Patrick Bahners – Die Panikmacher

 

Alles halb so wild?

 

Gut, dass Patrick Bahners sein Buch im Untertitel „Eine Streitschrift“ nennt, denn Streiten lässt sich immens über das, was er niederlegt und oftmals auch ganz persönlich an Personen festmacht. Andererseits, das Ansinnen, gegen überbordende Polemik gegen Menschen mit islamischem Glauben  in Deutschland ein Gegengewicht zu setzen ist als solches durchaus ein Wichtiges in der öffentlichen Diskussion, die gerade durch Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ in allgemeiner Breite entstanden ist.

Einen Gegenpol zu setzen, dass mag durchaus eine richtige Funktion des Buches sein. Interessanterweise hat Thilo Sarrazin selbst zumindest im Rahmen einer umfangreichen Rezension auf das Buch reagiert, die an anderer Stelle nachzulesen ist.

 

Zunächst also ist es legitim und befruchtend, wenn Partrick Bahners einer allgemein werdenden Kritik und Abwertung aller Menschen mit islamischer Glaubenszugehörigkeit widerspricht. Auch andere, ruhigere und vernünftigere Stimmen haben sich hier bereits mehrfach und mannigfaltig in gleicher Richtung zu Wort gemeldet. Weiterhin stimmt es ebenso, dass, befeuert durch Teile der Medien und konkrete Publizisten, gerade in Deutschland, durchaus aber auch andernorts, ein Thema provozierend in den Raum gestellt wird, auf denn eine breite Allgemeinheit dann aufspringt und reagiert. Sich an einem Thema öffentlichkeitswirksam festzubeißen, dass hat durchaus Tradition und hat immer schon Wirkung gezeigt.

 

Durch eine einige Vereinfachungen und Pointierungen (gut für den Streit, schlecht für die Sache) allerdings stellt Bahners Thesen und Verknüpfungen in den Raum, die tatsächlich eine vielleicht nötige und mögliche Verbreiterung der Migrationsdiskussion eher hindert denn fördert. Vor allem sein Abarbeiten an konkreten Personen wie Broder, Necla Kerek oder Thilo Sarrrazin nimmt allzu breite Formen im Buch ein.

 

Tatsache ist die Existenz eines gewaltbereiten und Gewalt ausübenden Teils des islamischen Fundamentalismus. Tatsache ist ebenso eine teilweise feststellbare Verweigerung von Teilen der Menschen mit Migrationshintergrund, nicht nur in Deutschland, sich den Traditionen des Gastlandes zumindest tragfähig anzunähern. Tatsachen sind die Einlassungen des türkischen Ministerpräsidenten in Deutschland, sich ja nicht zu sehr auf eine andre Kultur als die, in diesem Fall, türkische, zu weit einzulassen Ablehnende Haltungen, die durchaus problematisch für alle Seiten genannt werden können,  sind also durchaus zu finden. Nicht in behaupteter Breite der „fundamentalen Islamkritik“, aber auch eben nicht zu leugnen.

 

Die Probleme nun einfach im Kern auf populistische Strömungen und Selbstdarstellungen einzelner Publizisten zu schieben, zwar das ein oder andere „Integrationsproblem“ zu benennen, letztlich aber eine Form gesteuerter Panikmache (aus Eigennutz) gegen Menschen mit islamischem Hintergrund ausmachen zu wollen, das macht es letztlich schwer, die konstruktiven Ansätze des Buches vordergründig zu verfolgen. Auch wenn Bahners Vorwurf der öffentlicher Polemik, den er übrigens vielfach  im Buch deutlich und einsichtig belegt, natürlich nicht von der Hand zu weisen ist.

 

Bei aller Reibung, die Bahners durch ebenfalls zumindest pointierte, wenn nicht gar polemische Spitzen hervorruft, in zumindest einem ist seine Einlassung grundsätzlich ernst zu nehmen und zu diskutieren. Immer wieder fragt er an, verweist er auf die empirische Grundlage vielfacher islamkritischer Äußerungen. Skepsis also sollte sein Buch im besten Sinne allseitig hervorrufen, Skepsis gegenüber pauschalen Vorverurteilungen gegenüber „dem Islam“, Skepsis aber auch gegen zu starke Verharmlosungen durch Bahners selbst. Bomben explodieren, nicht nur in Bagdad.

 

Hinter dem vordergründigen Wortgetümmel, welches das Buch jetzt bereits ausgelöst hat, stehen durchaus wichtige Fragen der Skepsis, der Differenzierung und der notwendigen, kühlen Betrachtung eines „heißen“ Themas. Bahners hat ein Buch vorgelegt, mit dem man sich durchaus beschäftigen sollte. Mit dem, was hinter den vordergründigen Aussagen zu finden ist.

 

M.Lehmann-Pape 2011