Patmos 2015
Patmos 2015

Paul M. Zulehner – Auslaufmodell

 

Optimistischer Blick in die aktuelle Zukunft der katholischen Kirche

 

An Papst Franziskus scheiden sich die Geister.

 

Die einen sehen in diesem Papst mit seiner prägnanten Namenswahl frischen Wind, vor allem Aufwind für die Kirche in den Augen der Gläubiger und einen ebenso frischen Wind in Bezug auf die  starre Struktur der Amtskirche und eine gewisse dogmatische Verkrustung.

 

Daneben steht ebenso das Bild eines zwar bemühten, aber letzten Endes den genannten Strukturen gegenüber machtlosen Kirchenführers, der zwar durch seine persönliche Haltung ein ganz anderes, ungewohntes Bild der Kirche gibt, dies aber eben auf seine persönliche Art des Auftretens beschränkt bleiben wird.

 

Und zum Dritten gibt es den kritischen Blick auf Papst Franziskus, die wenig Hoffnung auf eine substanzielle Änderung in sich tragen. Konservativ in dogmatischen Fragen und Fragen der Lebensorientierung an die Gläubigen und nur marginal bereit, wirklich „heiße Eisen“ in der Hierarchie und Struktur der katholischen Kirche anzugehen.

 

Von diesen konkreten Betrachtungen der Person einmal abgesehen, sieht sich die katholische Kirche (im Reigen der traditionellen Glaubenseinrichtungen Europas) allein von den Zahlen her mehr und mehr ein stückweit mit dem Rücken zur Wand. In einem „ganz normalen“ Jahr 2014 ohne besondere äußere Anlässe gab es einen „Austrittsrekord“, der katholische Glaube scheint in Europa ganz alltäglich mehr und mehr an Rückhalt zu verlieren.

 

Zulehner nimmt dieses Wortspiel zunächst auf, das Wort vom „Auslaufmodell“ und benennt durchaus die kritischen Momente, Stimmen und Anfragen im Sinne einer „dem Ende entgegen gehenden“ Institution. Schwenkt dann aber umgehend auf eine deutlich optimistischere Sichtweise auch der nahen Zukunft, die sich bei ihm eng verknüpft mit der Person des Papstes.

 

Nun „fährt die Kirche aus“, auf zu neuen Ufern, mitten hinein ins Leben, so kann man dieses schmale Werk lesen und verstehen.

 

Zulehner schriebt da nicht ins Blau hinein, Hoffnungen verwirbeln nicht seinen Blick für die Realitäten. Als „Insider“ und profunder Kenner der katholischen Kirche weist er im Buch Schritt für Schritt jene konkreten Angänge und ebenso jene konkreten Denkansätze des Papstes auf, an denen aktuell bereits Veränderungen und „frischer Wind“ im Sinne einer Restauration der katholischen Kirche zu erkennen sind und in denen ein klar ablesbares Programm für die Zukunft konkretisiert wird.

 

Sei es eine „neue Pastoralkultur“, die Zulehner in großer Breite im Buch behandelt (von den Diskussionen zum Familienbild über die Barmherzigkeit als zu schulendes und wesentliches Merkmal , weg von der feudalen Auffassung mancher Würdenträger bis hin zu (noch als privat im Buch gekennzeichneten) Äußerungen des Papstes zur homosexuellen Lebensform).

 

Von den Weltthemen Wirtschaft, Gerechtigkeit, Ökologie hin zu den wesentlichen Kirchenthemen der Struktur und Pastoralkultur, Zulehner geht in äußerlich lockerer Form sehr verständlich dem Denken des Papstes nach, weist auf, wo dieses Denken bereits „altes Denken“ erschüttert und umgelenkt hat und wo in naher Zukunft noch gewichtige neue Gedanken zu erwarten sind.

 

Einfach in der Form, fundiert im Wissen und, vor allem, optimistisch angesichts der drängenden Probleme der Zeit und der Kirche bietet Zuhlener einen differenzierten Blick auf die inneren Vorgängen in und um den Papst herum mitsamt vielfachen Einblicken in die alltägliche Lebens- und Denkweise des Papstes.

 

Mitsamt Befürchtungen über das leibliche Wohl, die nicht nur mit körperlichen Schwächen begründet werden, sondern teils eine sehr klare Sprache sprechen über jene Kräfte im Vatikan, die sich vielleicht mit allen Mitteln gegen eine Veränderung des Status Quo wehren könnten.

 

Eine anregende und informative Lektüre, die vielleicht etwas einseitig die Möglichkeiten betont, dennoch aber den Leser mitnimmt auf ein „Auslauf-Modell“ im guten Sinne  hin zu neuen Gefilden.


M.Lehmann-Pape 2015