J.B.Metzler 2015
J.B.Metzler 2015

Peter Baumann – Erkenntnistheorie

 

Hervorragend in Darstellung und Inhalt

 

Ein sehr forderndes, in Teilen sehr abstraktes Feld der Philosophie ist die „Erkenntnistheorie“, die Peter Baumann nun in dritter, korrigierter und aktualisierter Form vorlegt.

 

Daher ist bereits zu Beginn festzuhalten, dass gerade im sprachlichen Stil sich Baumann einer sehr erläuternden, ruhigen sprachlichen Form bedient. Die dennoch, dem Feld der Erkenntnistheorie geschuldet, dem Leser eine hohe Konzentration abverlangt und die Bereitschaft, sich auf Begriffe und deren intensiver Erläuterung ebenso intensiv einzulassen.

 

Schon in der Frage „Was ist Wissen?“ und den ersten Ausführungen in diese Richtung, nämlich, „Was für eine Frage ist das?“ werden die Automatismen des Lesers gründlich reflektiert und hinterfragt. Denn es ist eben unter dem Blickwinkel der Erkenntnistheorie nicht einfach so, dass „wir wissen, was Wissen ist“, dass wir tatsächlich so einfach Fälle von Wissen und Fälle von Nicht-Wissen unterscheiden könnten.

 

So führt Baumann, nach einem einführenden Verweis auf den Skeptizismus und die berechtigten Gründe zum Zweifel zunächst an dem, was man meint, zu wissen (bis hin zur Frage, ob eine Außenwelt existiert) langsam, aber stetig und immer fundiert in die Frage des „Wissens“ und damit der Erkenntnismöglichkeit hinein.

 

Bedingungen des Wissens, Internalismus und Externalismus, die kausale Konzeption des Wissens, die „Wahrscheinlichkeit“ und die Konzepte des Reliabilismus und Kontextualismus werden dabei genauso sorgfältig, differenziert und mit immer wieder praktischen Beispielen versehen verständlich erläutert, wie es im Fortgang des Buches von den Überzeugungen zur Wahrheit zur Rationalität hin zum Empirismus und Apriorismus und zu den „Quellen des Wissens“ der Fall ist.

 

Und ob es wirklich klare, eindeutige und festlegende Antworten gibt, dem folgt Baumann in seinem letzten Kapitel, in dem er wieder zum Anfang, zum Skeptizismus zurückkehrt und dessen gesetzter Negierung eines „Habens von Wissen“. Baumann kommt zum Ergebnis, dass es tatsächlich nicht möglich ist, überzeugend nachzuweisen, „dass wir in der Tat Wissen über die Welt haben“. Aber das ist in seine Augen auch nicht zwingend notwendig, um die Erkenntnistheorie dem Skeptizismus begründet gegenüber zu stellen.

 

„Es reicht, wenn man den Skeptizismus entkräften kann, wenn man zeigen kann, dass es keine guten Gründe für den Skeptizismus gibt“.

 

Dies gelingt Baumann durch seine „aussichtsreichen“ Argumente gegen die Traumtheorie und die Rede von der Außenwelt-Skepsis des Skeptizismus.

 

Auch wenn es durchaus erkennbar ist, dass dem Menschen seine „epistemische Situation intransparent ist“, das Anliegen der Suche nach Klarheit und Erkenntnis ist legitim, drückt ein Grundbefinden menschlichen Seins aus und charakterisiert (und begründet auch weiterhin) somit die gesamte Erkenntnistheorie.

 

Das Buch richtet sich vor allem an Studierende der Philosophie und bietet einen umfassenden Eindruck des aktuellen Standes der Diskussion der Erkenntnistheorie und löst diese Aufgabe der Darstellung in hervorragender Form.

 

Darüber hinaus ist es jedem philosophisch interessiertem Leser zu empfehlen, auch wenn die Erarbeitung der Inhalte Geduld und Ausdauer benötigt, denn die Pole zwischen radikalem Skeptizismus einerseits (nichts ist wirklich zu „Wissen“) und der Frage der Erkenntnistheorie nach „Wissen und Wahrheit“ haben viel mit dem ganz praktischen, alltäglichen Leben zu tun und mit der Art, wie der Mensch die Welt betrachtet und in ihr agiert.


M.Lehmann-Pape 2015