Metzler 2010
Metzler 2010

Philipp Sarasin, Marianne Sommer (Hrsg.) – Evolution – Ein interdisziplinäres Handbuch

 

Umfassende und Allseitige Betrachtung des Themas

 

In der hochwertigen und umfassenden interdisziplinären Reihe des Metzler Verlags liegt nun der neueste Band der Betrachtung von Kernbereichen menschlichen Seins aus der Sicht verschiedener kulturwissenschaftlicher Fachrichtungen zum Thema „Evolution“ vor.

 

Nach dem Vorgängerband „Sterben und Tod“, der sich der Grenze menschlichen Lebens zuwendete, folgt nun also der Blick auf die Entwicklung des Lebens im umfassendem Sinne, aber auch im Blick auf die Evolution im konkreten Leben. Als „wichtigste Theorie der Moderne“ beeinflusst die Evolutionstheorie seit ihrer Formulierung durch Darwin so gut wie sämtliche Bereiche des Wissens.

 

Bereits zu Beginn des Buches lässt sich allerdings feststellen, dass eine präzise Klärung des Begriffes „Evolution“ bis heute nicht vorliegt. Darwin selbst verwendet den Begriff zudem gar nicht. Dem allem trägt der Band durch seinen breiten Blick auf die aktuelle Diskussion in bester Weise Rechnung.

 

Um den umfassenden Stand der Diskussion im Überblick zu dokumentieren unterteilt sich das Buch in vier Hauptteile. Der erste Teil dient hier als Grundlegung der Begriffsgeschichte und der Konzepte der Evolutionsforschung. Jede der vorgestellten Theorien wird zudem in ihrer Bedeutung für die Evolutionstheorie dargestellt. Im zweiten Teil liegt der Schwerpunkt auf der Biologie und der Forschungsgeschichte im Blick auf die Entstehung der Arten, auf der Vererbungslehre und auf der gegenseitigen Befruchtung und Beeinflussung mit anderen Forschungsrichtungen. Im dritten Teil richtet sich der Blick auf die Außenwirkung wissenschaftlicher Forschung zum Thema. Öffentliche Räume, Institutionen und der weite Bereich der sozialen Praxis werden differenziert betrachtet und in ihrer Bedeutung für die Entwicklung der evolutionären Betrachtungen gewürdigt. Der umfangreich geratene vierte und letzte Teil der Betrachtung öffnet in fundierter Weise den Blick für die vielfachen Verflechtungen der Evolutionsforschung im engeren Sinne mit einer Vielzahl nicht biologischer Fachrichtungen. Nicht nur im rein wissenschaftlichen bereich werden hier die Einflüsse der Evolutionsforschung auch auf andere Gebiete dargestellt, auch im Blick auf gesellschaftliche, politische und kulturelle Felder zeigen die verschiedenen Autoren Querverbindungen und vernetzte Einflüsse auf, die so manches Überraschungsmoment bereit halten, wo überall sich die Kenntnisse, Theorien und Objekte der Evolutionsforschung niederschlagen und wiederfinden.

Bereits das erste Unterkapitel zur Ethik dieses letzten Teils des Buches zeigt die überaus enge Verflechtung evolutionsbiologischer Fragen mit jenen allgemein gesellschaftlichen Interesses auf. Hervorragend versteht es Hans Werner Ingensiep hier, die Ambivalenz des Verhältnisses Ethik und Moral einerseits und Evolution andererseits aufzuzeigen und damit den Forschungsbereich der Sozialbiologie auf wenigen Seiten fundiert vorzustellen und in seinen wesentlichen Thesen furchtbar zu machen.

Eine Qualität, hinter der die anderen Autoren der einzelnen Betrachtungen des Buches in keiner Weise zurückstehen. Ebenso informativ wie eindrucksvoll sind auch die weiteren Einlassungen zum Sozialdarwinismus, zu den Verbindungen in Kunst und Film wie auch in der Litaratur.

 

Wie aus den anderen Bänden der Reihe bereits gewohnt ist das Buch logisch und aufbauend strukturier und in der Form für die wissenschaftliche Arbeit hervorragend nutzbar. Die Literaturhinweise am Ende jedes Kapitels und jeder Betrachtung bieten ausreichende Möglichkeiten der vertiefenden Weiterarbeit.

Selbstverständlich ist bei einem solchen Kernthema menschlichen Lebens eine absolut umfassende Darlegung und eine in sich abgeschlossene Betrachtung gar nicht möglich, auf dem Weg allerdings, den Status quo der gegenwärtigen Diskussion und ihrer geschichtlichen Herleitung aufzuzeigen setzt der Band durchaus qualitative Standards.

 

Aufgrund der Komplexität, des hohen wissenschaftlichen Anspruches und der vorliegenden wissenschaftliche Form in Sprache und Stil ist dies kein Buch für nebenbei und auch nicht zum einfachen Überfliegen geeignet. Die notwendige Einarbeitungs- und Auswertungszeit aber lohnt sich in vielfacher Form für das Wissen um den aktuellen Stand der Evolutionsdiskussion in breitester Auffächerung.

 

M.Lehmann-Pape 2010