S.Fischer 2017
S.Fischer 2017

Professor Dr. med. Sven Gottschling – Schmerz Loswerden

 

Differenzierter Blick auf Möglichkeiten die Schmerztherapie

 

Wobei unter dem eher lapidar klingenden Titel „Schmerz Loswerden“ sich auch eine gehörige Portion Kritik gegen die aktuell herrschende Schmerztherapie verbirgt, bei  der in Gottschlings Augen zu wenig, zu spät, nicht genügend auf spezielle, altersbedingte Schmerzempfindungen (vom Neugeborenen bis zum alten Menschen) eingegangen wird und, wie es der Umschlagtext aufweist, in der überwiegenden Zahl von Fällen gerade nach Operationen Schmerzen nicht fachgerecht genug behandelt werden, um diese so nachhaltig zu lindern, wie es eigentlich dem aktuellen Stand der Palliativmedizin nach möglich wäre.

 

Das Schmerz weitestgehend (mit einigen wenigen Ausnahmen) nicht sein muss, eben kein „dauerhafter Begleiter“ des Lebens schicksalshaft darstellt, das legt Gottschling beredt und überzeugend in seinem Buch dar. (mit hier und da einem Augenzwinkern, wenn der Frage nachgegangen wird, ob „Schmerz männlich“ sei. Und einer durchaus überraschenden (dann natürlich nicht mehr humorvollen, sondern empirisch gesicherten) Antwort auf diese Frage.

 

Wobei Gottschling schrittweise vorgeht du zunächst ausführlich und verständlich erläutert, was Schmerz ist und wie sich das Schmerzsystem des Menschen (und warum) in der Form entwickelt hat, wie es nun vorliegt. Das beinhaltet selbst noch einen Blick in die verschiedenen Kulturen und deren durchaus unterschiedlichen Umgang mit Schmerzen (dabei wird klargestellt, dass die Schmerzempfindungsschwelle in allen Kulturen gleich ist, doch die „gesellschaftliche Erwartungshaltung“ an den Umgang des einzelnen mit einem Schmerz sehr verschieden ausfällt. Von Kulturen, die einen „raumgreifenden Ausdruck“ des Schmerzes fast erwarten bis zu solchen, bei denen jedes Zucken vor Schmerz verpönt ist.

 

Von den dann verschieden vorliegenden und in verschiedenen Lebensaltersstufen auch verschieden empfundenen Schmerzen stellt Gottschling kompetent die medizinischen medikamentösen und nicht-medikamentösen Palliativ-Therapien vor und unterteilt im Folgenden dann Schmerzgruppen nicht nach Personen, sondern nach Auslösern.

 

Postoperative Schmerzen, Schmerzen, die durch medizinische Maßnahmen überhaupt erst hervorgerufen werden, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Bauchschmerzen, Gelenkschmerzen bis hin zu Tumorschmerzen und „allgemeinen“ Schmerzen am Lebensende.

 

Das alles in munterem, eher erzählendem und umgangssprachlichem Ton verfasst und nicht als „trockene medizinische Studie“ vorgelegt, erfüllt gerade durch die Sachkompetenz des Autors und die gewählte Ausdrucksform genau den Effekt, der sicher erzielt werden soll.  Dass der „normale“ Leser sich orientieren kann, am Ende der Lektüre Bescheid weiß und eben nicht Schmerzen oder schmerzhafte Behandlungen einfach „zu ertragen“ hat.

 

Zudem räumt Gottschling mit vielfachen Vorurteilen gegenüber bestimmten Schmerzmitteln (wie Morphine) auf, erläutert breit Anwendung, Nebenwirkungen, Dosierungen der verschiedenen Schmerzmittel und deren genaue Wirkweise, wie er zudem in der immer noch von Unsicherheit geprägten Diskussion um Cannabis (segensreich und exzellent verträglich) in der Schmerztherapie klar und begründet Stellung bezieht.

 

 

Ein lesenswertes Buch mit hohem Informationsgehalt, dass Hilfe zur Selbsthilfe ebenso anbietet, wie es den Patienten mit Schmerzen zum mündigen Partner des Arztes seines Vertrauens macht.

 

M.Lehmann-Pape 2017