wbv 2015
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Rainer Brödel, Tobais Nettke, Julia Schütz (Hg.) – Lebenslanges Lernen als Erziehungswissenschaft

 

Grundlagen und Impulse zum Prozess „ständiger Selbstbildung“

 

Man kann durchaus in den letzten Jahren und Jahrzehnten von einem gewaltigen Umbruch im Blick auf „das Lernen“ sprechen.

 

Im Vergleich zu einem tradierten Verständnis des beruflichen Lernens als „jugendzentrierten Lernverständnis“, das über Jahrhunderte hinweg das Bild des Lernens in den Gesellschaften geprägt hat, hat nunmehr eine deutlich erkennbare und weiterhin deutlich zunehmende „Entgrenzung“ von Lernprozessen konstatiert werden. Zeitlich, räumlich und thematisch (Umschulungen, neue Aufgaben) findet das berufliche Lernen inzwischen zu jeder Lebenszeit statt.

 

Auf der Basis der wissenschaftlichen Arbeit Nittels wenden sich in diesem Band nun die verschiedenen Autoren dem übergreifenden Thema des lebenslangen Lernens aus unterschiedlichen Richtungen her zu und erläutern so die verschiedenen erziehungswissenschaftlichen Felder des lebenslangen Lernens (nach einer wissenschaftstheoretischen Verordnung des Begriffes zu Beginn des Bandes).

 

Beratung, Lernen mit Videografie, Lernen im Ansatz einer komparativen Perspektive , berufsbiographische Lernprozesse und die Darlegung von Prozessstrukturen des lebenslangen Lernens inklusive einer Formulierung aktueller Leitbilder bilden den Rahmen der Darstellung im Buch.

 

Im Gesamten muss betont werden, dass hier auch in der Sprache eine wissenschaftlich orientierte Betrachtung des Themenfeldes vorliegt und in Sprache und Form hohe Anforderungen an die Konzentrations- und Abstraktionsfähigkeit des Lesers gestellt werden.

 

Zudem ist es sicherlich äußerst hilfreich (gerade in den Auszügen aus Dissertationen im Buch), mit der Arbeit und den Grundthesen Nittels einigermaßen vertraut zu sein, um verschiedene der Beiträge dann entsprechend einordnen zu können.

 

Wichtig vor allem (und von Wolff im Buch ausführlich und differenziert dargelegt) ist die sich deutlich herausstellende Bedeutung „informeller Lernprozesse innerhalb des beruflichen „Upgradings““.  Neben allen pädagogischen Rahmungen und zu setzenden Leitbildern stellt diese informelle Ebene ein wichtiges und wesentliches Element des lebenslangen beruflichen Lernens dar, die sich bis hin zu einer „Veränderung von Überzeugungen“ und einem „Umlernen“ auch in der eigenen Persönlichkeit verdichten kann. Unter der nicht zu unterschätzenden Gefahr eines „Verlernens moralisch-sozialen Wissens“.

 

Hier verorten die entsprechenden Beiträge im Buch vor allem eine fehlende kontinuierliche Reflexionsmöglichkeit über das, was wie neu oder vertieft erlernten Inhalte in die eigene Person und Haltung integrieren helfen könnte.

 

Aus der gesamten Darlegung der verschiedenen Themenfelder geht überzeugend die Notwendigkeit für klar benannte Leitbilder in der nahen Zukunft hervor.

 

Alles in allem bietet dieses Werk einen hochgradig wissenschaftstheoretischen Diskurs zur Formalisierung eines „lebenslangen Lernens“, in dem u.a. der Notwendigkeit einer intensiven Reflexion eines zunächst rein funktional ausgerichteten Wissens in ihrer sozialen Bedeutung hervorgehoben wird. Für am Thema interessierte Laien allerdings ist dieses Werk in seiner sehr spezifischen und wissenschaftlichen Ausrichtung her eher weniger geeignet.


M.Lehmann-Pape 2015