Goldmann 2013
Goldmann 2013

Richard David Precht – Anna, die Schule  und der liebe Gott

 

Eine andere Form der Bildung soll sein

 

Rudolf David Precht hat eine starke Breite der Themen. Wer ihn hier und da in seinen Dialogen im Fernsehen erlebt hat, weiß, dass Precht durchaus in der Lage ist, auf intellektuell hohem Niveau die Breite aktuell wichtiger, gesellschaftlicher Themen zu „bespielen“, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben oder gar unverständlichen Unsinn zu reden.

 

Andererseits gilt, dass nicht jede Breite auch zugleich die notwendige Tiefenkompetenz für keine Details in sich trägt. Gerade in Bezug auf das Bildungssystem (aktuell seit einigen Jahren schon heftig und intensiv öffentlich und politisch diskutiert), benötigt es aber eine durchaus spezialisierte Fachkompetenz, um argumentativ sauber und in den Forderungen fundiert neue, vielleicht auch andere Wege für die Zukunft umsetzbar in den Raum zu setzen.

 

Das vorliegende Buch, in dem sich Precht diesem sehr  aktuellen Thema zuwendet, ist durchaus flüssig zu lesen, keinesfalls dumm in seiner Analyse, wohl aber hier und da in den Forderungen und gewünschten Veränderungen nicht widerspruchsfrei zwingend argumentiert. Eher ein „breiter Blick“ auf die Probleme denn eine zwingende (durchaus aber gut denkbare!) Alternative, welche die vielfachen Interessen und Bereiche der Bildung intensiv bedenkt.

 

Hier wäre schon die völlige Abwertung des vorhandenen Bildungssystems zu benennen. Niemand würde im Geringsten Schwächen verleugnen, dennoch bleibt festzuhalten, dass seit Jahrzehnten dieses Bildungssystem durchaus innovative Menschen mit hervorbringt, sowohl auf geisteswissenschaftlichen oder naturwissenschaftlichem oder technischem Gebiet. Interessant wäre eine vertiefte Betrachtung des vorhandenen Systems anhand der Leitfrage, welche Komponenten denn genau diese positiven Ergebnisse hervorgebracht haben und welche Komponenten im Gegensatz dazu aktuell hier eher störend wirken. Eine Renovierung, Restauration somit „von innen heraus“ an vielfachen Stellschrauben. Eine „Revolution“, wie Precht sie fordert, ist sicherlich einfacher zu formulieren, übersieht aber die durchaus positiven Momente auch des deutschen Bildungssystems (bei aller Überlastung, Wissenslastigkeit, Verlust der humanitären Grundlegung und vielen mehr).

 

Nichtsdestotrotz kann man Precht nicht absprechen, dass er eine Vielzahl realer Probleme sehr genau benennt und damit ebenso oft zielgenau ins Schwarze trifft. Von der sich immer stärker vermindernden sozialen „Durchlässigkeit“ der Schulen, vom Zulauf für gleich Privatschulen oder zumindest „Eliteschulen“ schon im Grundschulalter (ob das gleich (bewusster) Klassenkampf ist, sei dann dahingestellt). Das G8 zur Zeit betrachtet offenkundig deutlich mehr Probleme schafft (Überforderung, mangelnde Zeit für persönliche Interessen zur „Reifung“, mangelnde Kapazitäten zur dann folgenden Ausbildung oder zum Studium etc.) und dass „Lehrer als Beruf“ nicht nur kein Zuckerschlecken darstellt, sondern auch ein überaltertes Kollegium zudem aufgerieben vielfach in Vorruhestand geht und das Zeiten und Formen des Unterrichtes didaktisch zu überdenken sind, hier kann der Leser Precht fast widerspruchsfrei folgen und findet eine Vielzahl fundierter Kritiken gesammelt im Buch vor.

 

Wieweit dann allerdings eine „integrative Schule“ ohne Zensuren, Fächer- und Jahrgangsübergreifend („jenseits von Fach und Note“), eine fundierte und zukunftsfeste, einzig mögliche Alternative darstellt und wie diese Schulform durch „Transformation“ aus dem aktuellen Schulsystem entstehen könnte, da finden sich im Buch doch überwiegend Aussagen in Form eines Appells mit zwar klarer Zielformulierung, aber wenig konkreten Teilschritten für die unmittelbare Zukunft.

 

Alles in allem treffend in der Analyse, besorgniserregende Faktoren für die Zukunft der Bildung breit und gut aufnehmend, auch in der Zielvorstellung durchaus konsensfähig, bedürfte es nun einer intensiven „Kleinarbeit“ im Sinne einer „Transformation“ des Bildungssystems. Das hier die Vielzahl der Beteiligten mit ihren je eigenen Interessen nicht gerade ein förderliches Element darstellen, auch da gibt man Precht gerne Recht. Trotz der mangelnden Differenzierungen und der teils einseitigen Argumente hier und da. Im Gesamten zudem sehr verständlich, dass dieses Buch breit wahrgenommen und kontrovers aufgenommen wird. Sehr lesenswert gerade zur Förderung der schon vorhandenen Diskussion.

 

M.Lehmann-Pape 2013